Bitburg | 19. Mai 2017 | Autor: Christian Altmayer

Gefallen, begraben, bestohlen

Noch immer ist unklar, wer die Bronzeplatten auf dem Bitburger Friedhof Kolmeshöh gestohlen hat. Kommt der Täter aus der rechten Szene?
Bitburg Gabi Schmitt hat mit Sicherheit nicht damit gerechnet, dass sie sich so bald mit einem Diebstahl herumschlagen muss - schon gar nicht an ihrem ersten Arbeitstag. Doch erzählen wir die Geschichte von Anfang an: Es ist der Morgen des 3. April und Schmitt ist mit ihrem Vorgänger auf dem Ehrenfriedhof Kolmeshöh unterwegs. Er führt sie über die Wiesen, vorbei an den Gräbern, die sie bald pflegen soll. Seit der Winterpause hat hier niemand mehr nach dem Rechten gesehen. Der Weg der beiden führt an dem Turm vorbei, der in der Mitte des Gräberfeldes steht. Und da sieht sie es: Zwei Stücke Folie flattern im Wind, links und rechts vom Eingang des Gebäudes. Das durchsichtige Plastik ist zum ersten Mal zu sehen, weil die zwei Bronzeplatten verschwunden sind, die all die Jahre darübergelegen haben. Auf den Tafeln eingraviert: die Namen von Gefallenen aus dem zweiten Weltkrieg. Sofort beginnt die Polizei mit der Suche nach dem Dieb.
Oder eher den Dieben - denn Metallplatten dieser Größe abzutransportieren, schafft niemand alleine. Immerhin sind sie fast eineinhalb Meter lang, 65 Zentimeter breit. "Wir gehen auch davon aus, dass die Verbrecher ein Fahrzeug dabei hatten ", sagt Wolfgang Zenner von der Bitburger Polizei. Ansonsten hätten die Täter ihr Diebesgut wohl kaum fortschaffen können.
Nur wer diese Täter sind - da gebe es bislang noch keine Anhaltspunkte. Auch Sachbearbeiter Matthias Nikolai ist alles andere als zuversichtlich, dass er noch jemanden schnappen wird: "Vielleicht hilft der Zufall uns irgendwann." Es könnte aber auch sein, dass die Gedenktafeln längst eingeschmolzen seien, mutmaßt er. Das Metall könnten die Diebe wohl leichter loswerden als die Platten selbst. Die wurden nämlich 1995 eigens für den Friedhof Kolmeshöh angefertigt. Sie sind - mit anderen Worten - einzigartig. 10 000 D-Mark hatte die Stadt sich die Bronzen damals kosten lassen. So viel wird man für das reine Material wohl nicht bekommen, oder? Ein Anruf bei der Firma Hochscheider, einem Trierer Altmetallhandel, bringt Klarheit: Ungefähr 3,40 Euro sei das Kilo Bronze wert. Dass die Diebe für die eingeschmolzenen Platten mehr als ein paar hundert Euro bekommen würden, ist also unwahrscheinlich. Die meisten Schrotthändler kauften ohnehin keine Barren von Privatpersonen, teilt die Firma Hochscheider mit: "Da können wir nicht sichergehen, was alles beigemischt ist." Auch hier können die Kriminellen ihre Beute nicht so leicht an den Mann bringen.
Doch es bleibt noch eine Möglichkeit. Jemand könnte die Platten ja auch gestohlen haben, um sie zu behalten. Wir erinnern uns: Auf den Tafeln stehen die Namen von Gefallenen aus dem zweiten Weltkrieg, womöglich sogar die von Mitgliedern der Waffen-SS. Immerhin sind 43 Soldaten von Himmlers "Schutzstaffel" auf dem Friedhof begraben. Noch heute werden tote Soldaten des "Dritten Reichs" in der rechten Szene als Helden gefeiert. Und es wäre auch nicht das erste Mal, dass Neonazis sich an deren Grab- und Denkmälern bedienten.
Einige Beispiele: Auf dem Friedhof "La Cambe" in Frankreich wurde die Grabplatte des SS-Panzerkommandanten Michael Wittmann gestohlen. Seit 2010 fehlen auf der Kriegsgräberstätte Joachimow, westlich von Warschau, die Namenstafeln von 28 deutschen Soldaten. Und auch andere Ehrenfriedhöfe in Deutschland sind in der Vergangenheit zu Pilgerstätten der Nazis geworden: Etwa ein Friedhof im bayerischen Wunsiedel, St. Nikolai in Berlin Pankow, das Denkmal "Feld des Jammers" bei Bad Kreuznach, sowie der Friedhof Aumühle bei Hamburg. Die Liste ließe sich fortsetzen. Ob auch die Kolmeshöh einWallfahrtsort für Rechtsradikale ist?
"Nein", da ist sich Polizist Zenner sicher: "Seit dem Reagan-Besuch 1985 ist der Friedhof aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwunden, zum Glück." (Siehe Infobox) Mit Nazis habe man in Bitburg ohnehin fast keine Probleme. Hin und wieder tauchten zwar Hakenkreuze an Fassaden auf. Die stellten sich in der Regel aber als Schmiereien von Jugendlichen heraus, meint Zenner: "ohne politschen Hintergrund." Er könne sich trotzdem vorstellen, dass die Bronzeplatten im Wohnzimmer eines Neonazis hingen. Wahrscheinlich werde man es aber nie erfahren.
Wenn der Wind bläst, flattert die Folie noch immer auf dem Friedhof Kolmeshöh. Bald sollen hier neue Platten liegen. Diesmal werden sie aus Stein sein, nicht aus Bronze - so wurde es im Stadtrat besprochen. Der Grund laut Verwaltung: Stein ist billiger und für Diebe uninteressanter.
Die Stadt sucht immer noch nach Fotos der verschwundenen Bronzeplatten. Wer welche im Bilderalbum oder auf dem Computer hat, kann sich unter Telefon 06561/6001218 bei Sachbearbeiterin Yvonne Rauen melden. Hinweise auf die Täter nimmt die Polizei Bitburg unter Telefon 06561/96850 entgegen.
Extra: DIE BITBURG-KONTROVERSE

"You’re a politician. Don’t become one of Hitler’s children”, sangen die Ramones einst in ihrem Song "My Brain Is Hanging Upside Down”. Gerichtet sind die Worte an Ronald Reagan. Wie die Punkband auf die Idee kam, den ehemaligen US-Präsidenten mit der Hitlerjugend in Verbindung zu bringen? Der Anlass war ein Besuch Reagans in Bitburg am 5. Mai 1985. Dort legte er zusammen mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl Kränze auf dem Ehrenfriedhof Kolmeshöh nieder. Doch was als Geste der Verständigung zwischen den Ländern gedacht war, führte zu Wellen der Kritik. Das Problem: Auf dem Friedhof liegen auch 43 Mitglieder der Waffen-SS. Das Treffen wurde als ein Versuch gesehen die Nazi-Vergangenheit Deutschlands international wegzuwischen - zugunsten einer Waffenbruderschaft mit den USA. Die Debatte ging als sogenannte Bitburg-Kontroverse in die Geschichte ein.