Bitburg | 19. April 2017 | Autor: Andrea Weber

Hoffen, dass der Arzt kommt: In Bitburg herrscht Ärztemangel

Zahlreiche Menschen im Raum Bitburg suchen verzweifelt einen Hausarzt. Nach der Schließung einer Praxis hat sich die Situation verschärft. Mediziner haben eine Idee für eine Lösung, die Umsetzung gestaltet sich aber schwierig.
Herzinfarkt, Lungenembolie, Brustkrebs, Rheuma, Unterfunktion der Schilddrüse und Osteoporose: Die Liste der Krankheiten, die Therese Müller hatte und hat, ist lang. 13 verschiedene Medikamente braucht die 76-Jährige, die eigentlich anders heißt, aber wegen dieser privaten Informationen nicht namentlich genannt werden möchte. Nur verschreibt ihr die niemand mehr, seit ihr Hausarzt Dr. Hsiao im Dezember seine Praxis geschlossen hat. 

Müller ist verzweifelt. „Die Arztsuche macht mich so mürbe“, sagt die 76-Jährige. „Nervlich bin ich total am Ende, ich kann nicht mehr schlafen. Ich brauche meine Medikamente.“ Die Liste der Ärzte, die die Bitburgerin seit Oktober 2016 immer wieder durchtelefoniert hat, ist noch länger als die ihrer Krankheiten. Die vielen Kreuzchen in Müllers Telefonbuch zeugen von den unzähligen Anrufen, die die Bitburgerin gemacht hat. Niemand hat die 76-Jährige angenommen. „Ich habe alles Menschenmögliche unternommen, um einen Arzt zu finden. Es gibt in Bitburg niemanden, der noch Kapazitäten hat“, sagt sie.

„Die Situation ist nicht besser geworden“, bestätigt der Bitburger Allgemeinmediziner Dr. Michael Jager, der gemeinsam mit neun Kollegen aus der Region (Dr. Fischer-Ruvet, Dr. Warmers, und Dr. Weber aus Bitburg, Dr. Rumpf und Dr. Schumacher aus Bettingen, Dr. Ihßen aus Kyllburg, Dr. Stiemert aus Speicher, Dr. Spies und Dr. Kremer aus Waxweiler) die Genossenschaft „Medicus Eifler Ärzte“ gegründet hat. Die Mitglieder wollen gemeinsam Kollegen einstellen, die den Schritt in die Selbstständigkeit nicht gehen wollen. Das Problem: Bisher fehlt der Genossenschaft die Zulassung (der TV berichtete). 

Und die ist auch nicht in Sicht, da sich die Ärzte und die Kassenärztliche Vereinigung (KV) nicht über die Regresspflicht (siehe Info) einig sind. Die Ärzte der Genossenschaft wollen dieses Risiko mit einer Versicherung abdecken. Die KV möchte, dass die Mitglieder persönlich dafür haften. 

Sowohl Jager als auch Landrat Joachim Streit bemühen sich um eine Lösung. Grundsätzlich sei die KV für die Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung zuständig, sagt Streit. Da diese im Raum Bitburg nicht mehr gewährleistet ist, hat der Landkreis vor sieben Jahren einen Arbeitskreis gebildet, um Lösungen zu finden. Gemeinsam mit der Kreisärzteschaft wurde das Genossenschaftsmodell entwickelt, das an den Unstimmigkeiten über die Regresspflicht zu scheitern droht.

Einen positiven Effekt hatte die Gründung von „Medicus Eifler Ärzte“ aber bereits: Eine litauische Ärztin wurde auf die Situation in der Eifel aufmerksam. Seit Februar arbeitet die 43-Jährige in Jagers Praxis. Er hofft, dass sie diese irgendwann übernimmt. „Das war so ein Glücksfall“, sagt er. Durch die Schließung der Praxis von Dr. Hsiao hätten Anfang des Jahres dessen Patienten vor seiner Tür gestanden. „Das hätte ich alleine gar nicht geschafft“, sagt er. Aber selbst mit zwei Ärzten ist die Flut nicht zu bewältigen. Jager muss weiterhin zahlreiche Menschen ablehnen. „Das tut uns dann sehr leid. Das ist eine ganz blöde Situation“, sagt er. „Aber ich kann auch nur arbeiten, mein Tag hat nur 24 Stunden.“

Und die reichen leider nicht für alle. Auch nicht für Therese Müller. Die hat die Hoffnung fast aufgegeben. „Ich kämpfe seit Oktober. Ich kann nicht mehr“, sagt sie. 

Vor dem Hintergrund bezeichnet es Jager als „Farce“, dass sich die KV gegen eine Zulassung der Genossenschaft stellt, wenn die Mitglieder nicht persönlich haften wollen. Auch Landrat Joachim Streit appelliert an die Kassenärztliche Vereinigung, sich „einen Ruck zu geben“ und das Modell für fünf Jahre zu testen. „Wenn nicht alles dummes Gerede sein soll vom Sicherstellungsauftrag im ländlichen Raum, muss man auch mal Risiken eingehen“, sagt der Landrat. Die seien zudem überschaubar, da die Erträge der Genossenschaft als Regressmittel bereitgehalten werden könnten. Der Landkreis habe nun um ein Spitzengespräch der rheinland-pfälzischen Gesundheitsministerin mit den Vorsitzenden der KV, den Krankenkassen sowie der Kreisärzteschaft gebeten, um zu einer gemeinsamen Lösung zu kommen. 

Zu entscheiden habe das letztlich nicht die KV, sagt deren Pressesprecher Rainer Saurwein, sondern der Zulassungsausschuss, ein unabhängiges Gremium bestehend aus drei Vertretern der Ärzte und drei Vertretern der Krankenkassen. Zu dessen nächster Sitzung im Bezirk Trier will „Medicus Eifler Ärzte“ einen Antrag stellen. Therese Müller wird das vorerst nicht helfen. Sie braucht jetzt einen Hausarzt in Bitburg.
 
 
Info
Regresspflicht

Der Regress ist eine Strafzahlung für einen Arzt, die ihm verordnet werden kann, wenn er im Vergleich zu anderen Ärzten das Arznei-, Hilfs- oder Heilmittelbudget deutlich überschritten hat. Wenn Ärzte zum Beispiel zu viele Originalmedikamente verschreiben statt günstigerer Alternativen mit dem selben Wirkstoff, können sie von der Krankenkasse als unwirtschaftlich eingestuft werden, woraufhin die Kassenärztliche Vereinigung Geld von den Ärzten fordern kann. Je nachdem, um welche Medikamente es geht, kämen dabei schnell Beträge im fünfstelligen Bereich zusammen, erklärt Dr. Michael Jager aus Bitburg. 
 
Kommentar
Eine Zumutung für Patienten
 
Es kann nicht sein, dass kranke Menschen keine Hilfe bekommen. Ein schwer behinderter Mensch hat genug mit seinen Krankheiten und der Bewältigung seines Alltags zu tun. Es ist eine Zumutung, dass Menschen in hilflosen Lebenslagen um einen Termin betteln müssen. 

Dass sich die Ärzte in der Region selbst um eine Lösung bemühen, ist toll. Solche Projekte verdienen Unterstützung und sollten keine Steine in den Weg gelegt bekommen. Für die Menschen in der Region ist es wichtig, dass schnell Abhilfe geschaffen wird.
a.weber@volksfreund.de