Neuerburg | 27. Juli 2016 | Autor: Christian Moeris

Neuerburger Stadtrat „rehabilitiert“ Opfer der Hexen- und Zaubererverfolgung aus dem 17. Jahrhundert

Ein ungewöhnlicher Tagesordnungspunkt einer Ratssitzung im 21. Jahrhundert: Der Stadtrat Neuerburg hat sich mit der Hexenverfolgung im Mittelalter beschäftigt und die Opfer aus dem Neuerburger Land mit einem Beschluss 400 Jahre nach ihrem Tod „sozial-ethisch rehabilitiert“.
Neben dem Forstwirtschaftsplan und der Sanierung der Burgmauer schlägt der Stadtrat Neuerburg mit dem neunten Tagesordnungspunkt ein dunkles Kapitel der Stadtgeschichte auf:
Die Hexenprozesse im Neuerburger Land von 1607 bis 1630. Zu diesem blutigen Kapitel der Stadtgeschichte im 17. Jahrhundert fassen die Ratsmitglieder auf ihrer Sitzung einen Beschluss: „Wir wollen die Ehre der durch die Hexenprozesse verfolgten und hingerichteten Bürger wieder herstellen“, sagt Markus Kolf von der CDU-Fraktion, der den Vorschlag in den Rat eingebracht hat. In Neuerburg gerieten 55 Menschen in einen Hexenprozess, von denen mindestens 21 nicht überlebten. Kolf: „Aus heutiger Sicht sind die wegen Hexerei verurteilten Neuerburger im Sinne der Anklage für unschuldig zu erklären.“ Mit diesem symbolischen Beschluss wolle der Stadtrat die Opfer zumindest „sozial-ethisch rehabilitieren“. Die Rehabilitation der Verurteilten solle im Sinne der Menschenrechte der Wiederherstellung ihrer individuellen Ehre sowie dem dauerhaften Gedenken an diese unschuldigen Opfer dienen, erklärt Kolf. 

Kirche bittet um Vergebung


Doch wie ist die Katholische Kirche, die an der Hexenjagd im Mittelalter maßgeblich beteiligt war, auf die Rehabilitation zu sprechen? Bereut auch die Kirche? Christine Wendel, Pressesprecherin des Bistums Trier, antwortet: Aus Sicht der Katholischen Kirche gebe es keine „Hexen“, sagt Wendel. „Die Katholische Kirche sieht ihre Beteiligung an der damaligen Verfolgung unschuldiger Menschen, die als Hexen bezeichnet wurden, heute als Unrecht an“, sagt Wendel und verweist auf eine Vergebungsbitte von Papst Johannes Paul II. aus dem Jahr 2000. Doch wer in diesem schriftlich dokumentierten Schuldbekenntnis nach dem Wort „Hexe“ sucht, der wird enttäuscht. 

„Mögen die armen Seelen
ihre Ruhe finden.“ 


Zitat Quelle: Bürgermeisterin Anna Kling


Denn die Vergebungsbitte des ehemaligen Oberhauptes der Katholischen Kirche ist sehr allgemein gehalten: „Lass jeden von uns zur Einsicht gelangen, dass auch Menschen der Kirche im Namen des Glaubens und der Moral in ihrem notwendigen Einsatz zum Schutz der Wahrheit mitunter auf Methoden zurückgegriffen haben, die dem Evangelium nicht entsprechen“, formulierte Papst Johannes Paul II. Dafür findet der Neuerburger Stadtrat deutlichere Worte: „Wir verurteilen die Gewalt, die an Frauen und Männern im Rahmen der Hexen- und Zaubererverfolgung in Neuerburg während des 17. Jahrhunderts begangen wurde“, heißt es in der Beschlussvorlage. Alle Ratsmitglieder stimmten für die Rehabilitation der „Hexen und Zauberer“. Bürgermeisterin Anna Kling: „Mögen die armen Seelen ihre Ruhe finden.“ Noch heute erinnern Plätze und Flurnamen wie der „Hexentanzplatz“ und „Beim Hochgericht“, wo die Prozesse stattfanden, in Neuerburg an das blutige Stadtkapitel im 17. Jahrhundert.