Kell am See | 16. März 2017 | Autor: Benedikt Laubert

14-Jährige gründen WG auf Zeit in Kell am See

Sechs Tage lang probiert eine Gruppe Jugendlicher aus, wie es sich anfühlt, ohne Eltern zu kochen, zu putzen – und zu streiten. Bislang läuft das Experiment aber anders als gedacht.
Und immer noch kein Streit! Nils drückt den großen silbernen Topf mit beiden Armen auf den Holztisch, während Sophie die heißen Kartoffeln darin stampft. Im Hintergrund wuselt eine Handvoll anderer Jugendlicher durch die helle Küche des Kreisjugendhauses. Pfannen klappern, der Geruch von Bratfett liegt in der Luft. Die beiden Betreuer Angela Schmidt und Jochen Heib sitzen am Tisch und beobachten, wie Sophie mit einem Teelöffel vom Kartoffelpüree probiert. Sie hält Nils den Löffel an den Mund. Als auch er probiert hat, schauen sich beide für einen Moment mit der kritischen Miene zweier Köche an. Dann nicken sie gleichzeitig. Konflikt sieht anders aus. 

Seit Nils, Sophie und 13 andere Jugendliche vor drei Tagen ins Kreisjugendhaus gezogen sind, um für eine Woche das Zusammenleben ohne Eltern auszuprobieren, warten die Betreuer darauf, dass es das erste Mal kracht. Denn Konflikte gehören unweigerlich zum Zusammenleben. Ziel des Projekts WG auf Zeit ist, dass die 14- bis 15-Jährigen auch lernen, respektvoll und konstruktiv zu streiten. Schmidt, Pastoralassistentin im Dekanat Hermeskeil-Waldrach, und Heib, Jugendpfleger der VG Kell, essen zwar mit den Jugendlichen und fahren sie zur Schule oder zum Rewe nach Hermeskeil.

Aber Essen steht nur auf dem Tisch, wenn die Jugendlichen selbstständig einkaufen und kochen. Und sauber ist es nur, wenn sich jemand findet, der putzt. Anweisungen von oben gibt es keine. Nils sagt: „Hier müssen wir alles untereinander regeln – zu Hause ist das Essen meistens fertig, wenn ich mich an den Tisch setze.“

Erste Uneinigkeiten

Doch heute scheint es vorbei zu sein mit der uneingeschränkten Eintracht. Während die Gruppe am ersten Tag noch genau das eingekauft hatte, was zwei Mädchen vorgeschlagen hatten, gibt es heute die ersten Diskussionen über das Mittagessen. „Ich mag aber keine Erbsen“, ruft ein Junge den Köchen zu. „Ist doch egal – mit Maggi schmeckt alles geil“, schallt es zurück. Damit ist die Diskussion beendet. Vorerst.

Äpfel statt Pizza

Schmidt sagt: „Wir waren erstaunt, wie gesund die Jugendlichen eingekauft haben.“ Sie hätten Fertigpizza und Schokolade kaufen können, aber neben der Pasta standen gestern Äpfel, Bananen und geschälte Karotten auf dem Tisch. Nur mit den Mengen klappt es noch nicht so ganz: Im Kühlschrank lagert eine Riesenportion Pasta, die gestern übrig geblieben ist. Was damit pasiert? Das entscheidet die Gruppe. Heib sagt: „Wir brauchen eine Menge Disziplin, damit wir nicht eingreifen, Vorschläge machen oder die Jugendlichen ins Bett schicken.“

Nur einmal am Tag machen sie eine Ausnahme. Jeden Abend setzen sich die Schüler in die Küche, um zu reflektieren, wie sie den Tag erlebt haben und was sie gern ändern würden. Dieses Gespräch moderieren die beiden Betreuer. Heib: „Auch hier haben sich die Jugendlichen bisher zurückgehalten.“ Sie brauchten etwas Zeit, um sich gegenseitig zu vertrauen und Probleme anzusprechen. 

Disziplin ohne Eltern

„Jeder esse was er kann, außer seinen Nebenmann!“ Würstchen, Kartoffelpüree und Erbsen stehen dampfend auf dem Tisch aber anstatt loszuessen fassen sich die Jugendlichen an den Händen und rufen den Spruch. Die Szene wirkt so perfekt bürgerlich, dass Schmidt im Nachhinein klarstellt: „Das haben wir wirklich nicht vorgegeben!“ 

Endlich Konflikt

Nils’ und Sophies Kartoffelpüree schmeckt nicht jedem. Drei Jungs geben den vernichtenden Restaurantkritiker: Ungenießbar sei es, deutlich zu hart, und etwas mehr Salz hätte es auch vertragen. Nils kontert sachlich: Genau diese Konsistenz brauche Kartoffelpüree. Und besser als in der Mensa sei sein Gericht allemal. Im Umgang mit Konflikten können die Jugendlichen offensichtlich von Jungs wie Nils lernen. Heib sagt nach dem Essen: „Heute verlieren die Jugendlichen ihre Scheu. Jetzt geht es darum, die Konflikte konstruktiv zu lösen.“ 

Zum Umgang mit Auseinandersetzungen gibt es aber unterschiedliche Meinungen. Nils sagt später: „Nicht immer hilft es, Probleme anzusprechen.“ Seine Klassenkameradin Lea entgegnet: Meistens stoße man hier aber auf Verständnis, wenn man sage, was einem nicht passt. Lea gefällt das Zusammenleben mit den Gleichaltrigen so gut, dass sie später eine Wohngemeinschaft mit Freunden gründen will. 

Die Wohngeimeinschaft auf Facebook

Wer mehr von der WG auf Zeit erfahren möchte, kann den Jugendlichen auf Ihrer Facebookgruppe WGaufZeit folgen. Dort zeigen sie in Kooperation mit dem TV Fotos aus ihrem WG-Leben und erzählen in täglichen Berichten, was sie erlebt haben