Hermeskeil | 19. Mai 2017 | Autor: Ursula Schmieder

Operationen mit einfachsten Mitteln

Ein Arzt des Hermeskeiler Krankenhauses sammelt für eine Klinik in Tansania medizinische Geräte sowie Hilfsausstattung für Eingriffe und Behandlungen. Was er vor Ort erlebte, hat ihn tief beeindruckt.
Hermeskeil Die Bilder aus Tansania/Afrika sind auch nach vier Monaten nicht verblasst. Dr. Varto Seeid, Oberarzt in der Allgemein- und Unfallchirurgie des St.-Josef-Krankenhauses Hermeskeil, hat sie ständig vor Augen. Bilder von herzlichen Menschen in Songea, einer Stadt ähnlich groß wie Trier, und von Patienten, die sich mit Schmerzen und Einschränkungen arrangieren.
Bei allem Mitgefühl für sie bewundert der Arzt die Kollegen, bei denen er zehn Tage als Gastmediziner im Songea Regional Hospital hospitierte. Sie arbeiten mit einfachsten Mitteln, aber "viel mit dem Kopf". Denn die Möglichkeiten apparativer Medizin seien begrenzt. Als Beispiele nennt er wohlüberlegt verordnete Medikamente und die "tolle klassische Medizin" der Kollegen: "Dort lernt man wieder, wie man seine Hände benutzt."
Die 490-Betten-Klinik betreut laut Seeid ein Einzugsgebiet mit 300 000 Menschen. Bei den täglichen Übergaben habe er sich inmitten von 50 Ärzten wie bei einem Ärztekongress gefühlt. Demgegenüber steht die bescheidene Ausstattung der Klinik mit nur je einem Röntgen- und Ultraschall-Gerät.
Schon für Magenspiegelungen müssten Patienten nach Daressalam, dem gut zwei Flugstunden entfernten Regierungssitz. Folglich gebe es oft Magendurchbrüche - und Komplikationen, weil bei Operationen Material fehle. "Mitten in der OP hatten wir keinen Faden mehr", nennt er ein selbst erlebtes Beispiel. Dabei werde oft "blind" operiert, ohne vorherige Röntgenaufnahmen.
Der Materialmangel betrifft notgedrungen mehrmals verwendete Einmaltücher ebenso wie OP-Nägel. Bei Knochenbrüchen muss schon mal improvisiert werden, wie Seeid sehen und hören konnte. Ein Patient humpelte wie auf einer Stelze, weil auf Höhe seines Knöchels ein daumendicker Metallstab hervorragte.
Abgesehen davon müssen sich Patienten eine OP erst einmal leisten können. Verglichen mit europäischen Verhältnissen scheinen die Kosten zwar bezahlbar. Eine OP im weit und breit einzigen Krankenhaus auch für Menschen ohne Geld kostet umgerechnet 16 Euro. Und das einschließlich des benötigten Materials, wobei statt Gips schon mal günstigere Pappe verwendet wird. Bleibt trotz exakter Kalkulationen etwas übrig, geht es in einen Spendentopf. Doch in Songea sind Patienten oft auf Unterstützung angewiesen, erklärt Seeid. Wer weder Kuh noch Ziege verkaufen könne, bitte um Geld bei Angehörigen, die darüber hinaus Blut spenden müssten, weil es keine Blutkonserven gebe.
Der Arzt will daher Patienten wie Ärzten vor Ort wirksam helfen. Sein Spendenaufruf zielt vor allem auf medizinische Instrumente und Geräte aller Art ab - so etwa für Darm- oder Gelenkspiegelungen. Benötigt wird aber auch alles erdenkliche Material: von Fäden über Nägel und Schrauben bis zu Kameras und Prothesen aller Art. "Wir nehmen alles an", versichert Seeid.
Inzwischen ist bereits einiges zusammengekommen im zum Lagerraum umfunktionierten ehemaligen Kreißsaal des St.-Josef-Krankenhauses. Darunter Geräte aus Kliniken und Praxen sowie Sauerstoffgeräte eines Rettungsdienstes. Sobald genügend beisammen ist, um damit einen Container zu füllen, soll alles nach Songea verschickt werden. Für den Sommer hat sich zudem Besuch von dort angesagt: Dr. Arnold Wella, dessen Name unweigerlich an die deutsche Kolonialzeit in Ostafrika (1885 bis 1918) erinnert, will für zwei Wochen nach Deutschland kommen.
Anfangs seien seine Kollegen ihm gegenüber skeptisch gewesen, berichtet Seeid. Es komme wohl oft vor, dass ausländische Ärzte an einheimischen Patienten "üben" wollten. Umso mehr freuten sich die Kollegen, als sie sahen, dass ein erfahrener Chirurg bei ihnen hospitierte. Seeid bescherte das weitere unvergessliche Eindrücke: "Diese Dankbarkeit, und wie die jeden annehmen - wie die eigene Familie."
Extra: SO KAM ES ZUR HOSPITATION

Sein 50. Geburtstag hat den Hermeskeiler Oberarzt Varto Seeid zu seiner privat finanzierten Hospitation und der aktuellen Hilfsaktion angeregt. Je mehr sich dieser Tag im Januar 2017 näherte, umso weniger stand ihm der Sinn nach Party. Stattdessen nahm er sich vor, etwas "Unvergessliches" zu machen, etwas, von dem er innerlich etwas haben würde. Den Weg nach Tansania zeigte ihm ein Kollege auf, der das Land kennt. Seeid hospitierte vom 14. bis 24. Januar in der Chirurgie der Klinik in Songea und plant jährliche Besuche. Der aus dem irakischen Norden stammende kurdische Arzt lebt seit 1995 in Deutschland und seit acht Jahren in Hermeskeil. Kontakt für Sachspenden: Telefon 06503/81-5543. Zur Finanzierung von Kosten wie für den Containertransport sind auch Geldspenden willkommen: mit Stichwort "Tansania" auf das Konto des Fördervereins "St. Josef-Krankenhaus und Hochwald-Altenzentrum St. Klara", IBAN DE68585501300004413332 bei der Sparkasse Trier. Erste 400 Euro sind bereits eingegangen.