Wittlich | 20. März 2017 | Autor: Eva-Maria Reuther

Das Leiden Christi in der Kunst

Die Städtische Galerie im Alten Rathaus in Wittlich zeigt alte Druckgrafiken zur Passionsgeschichte.
Wittlich Das Leiden Christi und sein Tod am Kreuz als Voraussetzung für die österliche Auferstehung gehören zu den zentralen Inhalten der christlichen Glaubenslehre beider Konfessionen. Martin Luther stellte die Passion des Gottessohns sogar in den Mittelpunkt seiner "Theologie des Kreuzes", wobei er sich auf den Apostel Paulus berief: "Wir predigen den gekreuzigten Christus". Was Lehre war, musste zur Vermittlung ins Bild gesetzt werden.
Die Darstellung der Passionsgeschichte wurde im Dienst der Verkündigung zu einem der wichtigsten Themen der christlichen Kunst. Mit dem Aufkommen der Druckgrafik konnte seine Verbreitung in großem Stil erfolgen und weit größere Teile der Bevölkerung erreichen, als mit den herkömmlichen Gemälden. Die im späten 14. und 15. Jahrhundert aufkommende "Devotio moderna", das zunehmendene Bedürfnis, Gebet und Andachten auch außerhalb des kirchlichen Raums im häuslichen privaten Bereich zu verrichten, erhöhte noch den Bedarf an Andachtsbildern.
Die reproduzierbaren Druckgrafiken mit ihren christlichen Motiven wurden gleichermaßen zu wichtigen Glaubensvermittlern wie zur einträglichen Einnahmequelle für die Künstler und ihre Werkstätten. Bei den Darstellungen christlicher Motive waren die Passionsbilder die gefragtesten.
Auch Hartwig Böttjer und Jörn Ihde sammeln seit vielen Jahren Druckgrafiken mit Darstellungen der Leidensgeschichte. Die eindrucksvolle thematische Sammlung der beiden Hamburger, die Teil einer vielfältigen Grafiksammlung ist, wird jetzt, passend zur vorösterlichen Zeit, in der Städtischen Galerie im Alten Rathaus in Wittlich gezeigt. "Ganz sicher ist es nicht die Frömmigkeit", sagt Böttjer über die Gründe, sich einem solchen geistlichen Motiv zu widmen.
Vielmehr rühre das Interesse aus der Anlage der Gesamtsammlung, erklärt der Internist, deren Schwerpunkt auf der figürlichen Darstellung in unterschiedlichen Techniken liege. Für seinen Sammlerfreund Jörn Ihde geht überdies eine große Faszination von der emotionalen Stärke der Darstellungen aus.
Fast 90 Blätter vom 15. bis 18. Jahrhundert unterschiedlicher Technik, darunter Holzschnitt, Kupferstich und Radierung, versammelt die umfängliche Bilderschau. Unter den schön gerahmten Arbeiten sind sehr feine Blätter, wie eine delikate Radierung von Rembrandt zum Thema Grabtragung, sowie eine schöne hell-dunkel Arbeit in gleicher Technik vom selben Meister. Sehenswert sind einmal mehr die Holzschnitte vom Großmeister Dürer, der sich ein Leben lang mit dem Thema der Passion beschäftigte.
Wer durch die Bilderkabinette des 1.Obergeschosses geht, macht sich auf den biblischen Passionsweg vom letzten Abendmahl bis hin zu Grablegung und Beweinung.
Aber nicht nur das. Ausgesprochen Aufschlussreiches berichten die Arbeiten über den Zeitgeist ihrer Entstehung, die sich verändernde Vorstellung von Leiden und menschlichem Selbstverständnis.
Den demütigen, ernsten Gestalten Dürers stehen die selbstbewussten, kraftvollen Körper der italienischen Renaissance gegenüber. Im Barock, dem Zeitalter des Theaters, wird auch der Leidensweg Christi zur Bühne, seine Stationen zu großen, hochdramatischen Szenarien.
Einmal mehr beeindruckt zudem die hohe Kunst der Stecher und Radierer, die die Dynamik und Ausdruckskraft der altmeisterlichen Gemälde einzig durch bewegte Linien, unterschiedliche Strichstärken und subtil ausbalancierte Grautöne in eindringliche Bilder übersetzen, wie in den gezeigten Arbeiten nach Michelangelo, Tiepolo oder Peter Paul Rubens zu sehen ist.
Ergänzt wird der Passionsweg im Erdgeschoss durch druckgrafische Darstellungen des Bethlehemitischen Kindermordes. Es gibt sehr viel zu sehen in dieser interessanten Grafikausstellung, auch über die Passionszeit hinaus. Überhaupt empfiehlt es sich angesichts der Bilderfülle, die der vollständigen Präsentation der Themensammlung geschuldet ist, mehrfach zu kommen, um sich die Feinheiten dieser sehenswerten Schau zu vergegenwärtigen.
Bis 30. Juli, Dienstag bis Samstag 11 bis 17 Uhr, Sonntag von 14 bis 17 Uhr, Telefon: 06571/171355,
www.kulturamt.wittlich.de