Trier | 12. Juni 2017 | Autor: Stefanie Braun

Das Spiel mit der eigenen Psyche

Ein uralter Kampf: Das Gute gegen das Böse. Im Theater Trier inszeniert Rent-Regisseur Malte C. Lachmann die Paradegeschichte dieses Duells auf eine neue Weise: als Rockmusical "Jekyll & Hyde - Resurrection".
Trier Warum sind eigentlich alle so schlechte Menschen, fragt sich Dr. Jekyll. Der Vorzeige-Moralapostel findet sein Umfeld ziemlich triebgesteuert und wagt ein Experiment: den Menschen aufzuspalten in einen guten und einen bösen Teil, die unabhängig voneinander agieren können. Er verabreicht sich ein selbst gebrautes Mittel und erschafft sein zweites, böses Ich, Mr. Hyde.
So erdachte es sich Robert Louis Stevenson 1886 in seinem weltberühmten Werk "Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde". Ein Stoff, der schon mehrfach für die Leinwand und die Bühne adaptiert wurde und dessen Grundfragen bis heute faszinieren: Kann man den Menschen aufteilen in einen guten und einen bösen Part? Und, falls ja, ist das überhaupt erstrebenswert?
Frank Wildhorn machte aus dem Stoff ein Musical und führte die beiden weiblichen Parts, die Verlobte Emma und die Prostituierte Lucy, ein, 1990 war in Houston die Uraufführung. In der Musicalfassung sucht Jekyll nach einem Mittel, um seinen Vater im Irrenhaus zu kurieren, praktisch den verrückten Part von dem geliebten, väterlichen Part zu extrahieren.
In Trier findet Malte C. Lachmann, dieses edle Motiv sei ein bisschen pathetisch. Der 28-jährige Regisseur hat sich deswegen für seine Inszenierung des Stoffes am hiesigen Theater in diesem Punkt an die Romanvorlage gehalten. Für die restlichen Motive und Momente liegt ihm aber etwas anderes zugrunde: "Frank Wildhorn hat sein Musical mit drei Sängern als CD aufgenommen, ohne Sprechtexte, nur die Songs", erklärt Lachmann.
2006 erschien die CD "Jekyll & Hyde Resurrection (dt. Auferstehung)", für deren Uraufführung sich das Theater an der Rott 2014 die Rechte sicherte, auch damals besorgte Lachmann die Inszenierung. Doch wie inszeniert man eine Vorlage, die eigentlich nur noch aus den einzelnen Songs besteht, ohne verbindende Dialoge? Lachmann hat selbst kleine erzählende Textpassagen hinzugefügt und zudem drei Interviews geführt: mit einem Priester, einer Prostituierten und einer Frau mit schizoaffektiver Störung. Die Interviews werden von den drei Darstellern Christopher Ryan (Jekyll/Hyde), Sidonie Smith (Lucy) und Kathrin Hanak (Emma) im Stück performt (die beiden Sängerinnen haben ihre Parts bereits am Theater an der Rott übernommen).
Ansonsten steht die Musik im Vordergrund: Die Band (arrangiert von Dean Wilmington) spielt zentral auf einem Podest auf der Bühne, eine Atmosphäre wie bei einem Rockkonzert. Eben kein klassizistisches Musical, wie man es von Jekyll und Hyde erwarten würde, mit zeitgenössischen Kostümen, großem Orchesteraufgebot und vielen Statisten, mit denen die Darsteller interagieren können. Sondern ein Rockmusical, mit modernen Kostümen, einem assoziativen Bühnenbild mit wenigen Gestaltungselementen, drei Darstellern, eine gezwungene, aber auch gewollte Konzentration aufs Wesentliche:
"Wir wollten, dass man nicht auf die schönen Kostüme achtet, sondern auf den inneren Werdegang der Figuren." Allem voran die Frage: Wie wird man zum Monster? Ist es ein Prozess, den man einem Menschen ansehen kann wie in der Romanvorlage von Stevenson, oder doch ein psychischer Prozess, den nur die Menschen im direkten Umfeld wahrnehmen können? Ist das Böse im Menschen steuerbar?
"Ähnliche Fragen kann man sich stellen, wenn jemand beispielsweise harte Drogen nimmt: Trete ich als Person komplett zurück und bin jemand anderes?" Lachmann sieht in Jekylls Experiment einen egoistischen Nutzen, keinen Mehrwert für die Menschheit. Der Moralmensch Jekyll möchte einmal sein Schlimmstes zum Vorschein kommen lassen, ungestraft und ohne Konsequenzen für sich. So als hätte es eben ein ganz anderer gemacht, seinen eigenen Sündenbock hat er immer griffbereit. "Ein Mensch kann nicht nur gut und moralisch sein, ‚menschlich sein‘ bedeutet ja auch, dass man Fehler macht. Aber sich von seinem Schlechten zu trennen bedeutet eben auch sich als Person aufzulösen. Ein Zusammenspiel aus Gut und Böse macht eine Persönlichkeit aus." Doch das Spiel mit der eigenen Psyche verliert Jekyll. Hyde hat seinen eigenen Kopf und will leben, Jekyll sucht nach Erlösung von dem Übel, am Schluss sind beide tot, doch nur einer hat ein Leben als Wissenschaftler und Verlobter verloren. Wer letzten Endes gewonnen hat, das Gute oder das Böse, kann auch Regisseur Lachmann nicht beantworten, darauf müssen die Zuschauer wohl selbst eine Antwort finden.
Premiere am Samstag, 17. Juni, 19.30 Uhr, Großes Haus