Trier | 15. März 2017 | Autor: Stefanie Braun

Den Scherbenhaufen nicht zurücklassen

Der Film mit Meryl Streep und Clint Eastwood brachte das Kinopublikum 1995 zum Schmachten. Am Broadway folgte 2013 eine Musicalfassung. Das Theater Trier bringt die deutsche Erstaufführung des Dramas "Die Brücken am Fluss" auf die Bühne.
Trier Als Ulrich Wiggers in der letzten Spielzeit auf dem Weg nach Trier war, um mit dem damaligen Intendanten Karl Sibelius über ein Engagement für eine Regiearbeit zu sprechen, lief im Auto eine CD rauf und runter. Es war die Aufzeichnung der Musicalfassung von "Die Brücken am Fluss", jenem Filmklassiker mit Meryl Streep und Clint Eastwood, der 1995 im Kino die Herzen zum Schmelzen brachte. Als Sibelius wenige Stunden später meinte, er überlege, die deutsche Erstaufführung eben dieses Musicals auf die Trierer Bühnen zu bringen, kam es beiden wie ein Wink des Schicksals vor. "Dann soll es eben so sein", hatte Sibelius laut Wiggers gesagt. Und so ist es nun auch. Gerade befinden sich Wiggers und die Schauspieler und Sänger der Musicalsparte des Trie-rer Theaters in der Endprobenphase. Am Samstag, 18. März, hebt sich der Vorhang für das Stück in Deutschland zum ersten Mal.
Erzählt wird eine Geschichte, deren dramatischer Höhepunkt nicht im unermüdlichen Ringen um die einzig wahre Liebe liegt, sondern im genauen Gegenteil: dem Verzicht. Das Stück spielt in den 1960er Jahren, das Bühnenbild besteht aus Gemälden angelehnt an Edward Hopper, die heruntergelassen werden, die Kostüme zeitgenössisch. Die Geschichte spiele in Iowa, sagt Wiggers: "Wir müssen Hitze transportieren."
Francesca (Carin Filipçiç) ist seit Jahren mit ihrem Mann Richard (Norman Stehr) verheiratet, die beiden Kinder sind gerade mitten in der Pubertät, die Ehe in alltäglichen Gewohnheiten festgefahren. Da lernt Francesca den Fotografen Robert Kincaid (Hans Neblung) kennen, sie verlieben sich und verbringen in der Abwesenheit von Ehemann und Kindern drei Tage voller Liebe, Nähe und Zärtlichkeit miteinander. In großen Theaterklassikern würden jetzt Fluchtpläne geschmiedet, Gifttränklein unters Essen gemischt, Verräter würden versuchen, das Liebesglück zu zerstören, und je nach dem würden sich die beiden Liebenden letztendlich glücklich in die Arme schließen oder wenigstens gemeinsam zugrunde gehen. Nicht so in "Die Brücken am Fluss": "Nach diesen drei Tagen entscheidet sich Francesca dazu, bei ihrer Familie zu bleiben. Sie möchte ihr eigenes Glück nicht auf dem Unglück anderer aufbauen", sagt Regisseur Ulrich Wiggers. "Und genau das finde ich ganz groß von ihr. Gerade in heutigen Zeiten." In modernen Zeiten, in denen Beziehungen nicht gerettet und Probleme zusammen angegangen werden, sondern in denen man sich schnell trennt und auf die nächste große und diesmal hoffentlich einzig wahre Liebe hofft, die niemals im Alltagstrott verblassen wird.
"Eine Botschaft des Stückes ist, dass Liebe etwas Wunderschönes ist, aber das es manchmal auch reicht, diese drei Tage im Leben gehabt zu haben." Francesca und Robert zehren ihr Leben lang von diesen drei Tagen Liebe, dennoch sei es keine bittere Entscheidung, die Francesca treffe, sagt Wiggers. "Sie wäre nicht mehr dieselbe Person, wenn sie sich für Robert entschieden hätte, sie würde einen großen Teil von sich verlieren, und das würde sich wahrscheinlich wieder auf die neue Beziehung auswirken." In einer Szene lässt Wiggers Francesca das Szenario vor ihrem inneren Auge durchspielen. "Sie sieht, wie Mann und Sohn weinen und wie fassungslos die Tochter ist, und kann einfach nicht gehen und diesen Scherbenhaufen zurücklassen."
Und am Schluss soll natürlich eines: Tränen fließen. Wenn das Theater es schaffe, die Leute so zu berühren, dass sie weinen, dann hätten wir alles richtig gemacht, so Wiggers. "Weinen ist erlösend und befreiend, aber die Zuschauer sollen natürlich auch weinen, weil es so schön ist."
Ähnliches erlebte er im Dezember als er in Aachen den Filmklassiker "Love Story" in einer Theaterversion inszenierte. Wiggers hat keine Angst vor Filmstoffen, die dem Publikum bekannt sind und Erwartungen wecken könnten: "Viele haben "Die Brücken am Fluss" gar nicht mehr präsent." Und wenn die Darsteller es nicht schaffen würden, im Spiel von sich zu überzeugen, dann hätten sie eben etwas falsch gemacht. Aber damit rechne er bei der Premiere am Samstag nicht.
Premiere: Samstag, 18. März, 19.30 Uhr, Großes Haus, Theater Trier