12. Juni 2017 | Autor: Rainer Nolden

Ein Leben, durch einen Schleier betrachtet

Eine von Deutschlands berühmtesten und erfolgreichsten Schauspielerinnen gibt Einblicke in ihr Leben - und lässt viele Fragen offen.
Sie sagt von sich selbst, dass sie mitunter schwierig sei. Das mag man mancher Künstlerin als Koketterie unterstellen. Kennt man jedoch Hannelore Hogers (Fernseh-)Filme, glaubt man ihr aufs Wort. Denn ihre Figuren tragen, bei allem Charme und aller Verbindlichkeit, ein unsichtbares Schild auf der Stirn: "Vorsicht, manchmal sehr bissig." Jetzt hat die Schauspielerin ihre Autobiografie veröffentlicht. Klar, dass es irgendwann so weit sein würde. Eher seltsam, dass es so lange gedauert hat, bis es so weit war - oder sie. Denn zweifellos gehört sie zu den interessantesten, talentiertesten und berühmtesten deutschen Schauspielerinnen. Und irgendwie auch zu den rätselhaftesten. 74 ist sie inzwischen, seit mehr als einem halben Jahrhundert eine wichtige Stimme im deutschen Theater- und Filmbetrieb, vielfach ausgezeichnet, und kann auf herausragende Fernseharbeiten zurückblicken. Seltsamerweise werden die Stationen ihrer Karriere mehr oder weniger kursorisch abgehakt, einige Begebenheiten mit manchmal ebenso prominenten Kolleg(inn)-en nur am Rande erwähnt, als wolle sie auf keinen Fall den Fehler vieler Künstlerbiografien wiederholen, mehr oder weniger originelle Anekdoten aneinanderzureihen. Hannelore Hoger spricht beziehungsweise schreibt frisch und frei von der Leber weg, und herausgekommen ist keine ausgefeilte und minuziös konstruierte Autobiografie, sondern ein ziemlich uneitler und mitunter auch recht selbstkritischer Blick aufs eigene Dasein, das in Hamburg begonnen hat. In dieses Dasein gewährt sie eher flüchtige Einblicke, ergänzt um Momentaufnahmen aus ihrer Kindheit und Karriere.
Ihre wichtigen Stationen werden aufgelistet, viele Künstler, mit denen sie gern (und weniger gern) gearbeitet hat, erwähnt - und dennoch bleibt am Ende etwas Geheimnisvolles zurück, etwas Ungreifbares, Unscharfes. Vermutlich war genau das ihre Absicht.
Einer Künstlerin, die sich allzu tief in die Seele - oder auch nur in die Wohnung - blicken lässt, droht möglicherweise der Verlust eben dieses Geheimnisvollen. Nun darf man von einer Autobiografie nicht unbedingt einen Seelenstriptease erwarten. Hogers Privatleben bleibt weitgehend außen vor, was ja auch in Ordnung ist. Wenn sie von Beziehungen spricht, nennt sie kaum Namen. Auch Familienmitglieder bleiben hinter einem Schleier zurück: "Über meine Mutter Johanna und meine Tochter Nina, meine Herztiere, kann ich nur schwer schreiben. Sie sind mir zu nah", notiert sie am Ende ihres Buches. Sie wisse zu wenig über sie. "Und das, was ich mehr weiß, möchte ich für mich behalten." Das ist ihr gutes Recht. Aber die öffentliche Hannelore Hoger, das "Bühnen- und Filmtier", bleibt für den Leser ebenfalls recht vage. Wie gerne hätte der etwas mehr über die wilde, aufregende und prägende Zeit ihrer Bühnenlaufbahn erfahren, als sie in Ulm, Bremen, Stuttgart und Bochum mit Menschen wie Peter Zadek, Kurt Hübner oder Peter Palitzsch Theatergeschichte geschrieben hat. Was diese Künstler ihr bedeutet haben und wie sie von ihnen geprägt wurde, auch darüber verliert die Lebenserzählerin kaum ein Wort. Einem Gespräch mit dem Filmregisseur Alexander Kluge, der sich für ihren ersten großen Kinoerfolg verantwortlich zeichnete ("Die Artisten in der Zirkuskuppel - ratlos", der 1968 in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde), widmet sie zwar fast 40 Seiten, aber auch dieses Interview wirkt, als spielten sich zwei Veteranen des Geschäfts über einem Glas (oder gern auch mehreren Gläsern) Wein gegenseitig die Erinnerungs- und Stichwortbälle zu - und der Leser sitzt wieder nur am Nachbartisch und hat das Gefühl, eigentlich sollte er nicht hinüberlauschen ... Vielleicht findet man die Puzzleteile, mit denen sich das Bild der privaten Hannelore Hoger zusammensetzen lässt, dann eher auch in ihren zahlreichen interessanten, exzentrischen, prägnanten, widersprüchlichen und manchmal widerborstigen Filmfiguren. Vor allem Bella Block, ihr immer noch aktueller Charakter und ihre wohl berühmteste Fernsehfigur, dürfte der Frau, die sie verkörpert, ziemlich nahekommen. Und eigentlich kann man Hoger auch nicht vorwerfen, dem Leser zu viel versprochen zu haben. "Bilder aus meinem Leben" lautet der Untertitel ihrer Autobiografie. Die sollen ja angeblich mehr als tausend Worte sagen, aber nicht unbedingt die ganze Geschichte erzählen. Die in diesem Fall übrigens den Titel "Ohne Liebe trauern die Sterne" heißt.
Noch so ein Rätsel - es ist weder Zeile aus einem Gedicht noch einem Song und auch kein Filmtitel. Sondern der Einfall der Autorin, die auch in diesem Fall das Geheimnis seiner Bedeutung für sich behält.
Rainer Nolden
Hannelore Hoger, "Ohne Liebe trauern die Sterne. Bilder aus meinem Leben", Rowohlt Verlag, 301 Seiten, 19,95 Euro.
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