Trier | 11. Juni 2017 | Autor: Lisa Bergmann

Einfach mal rumfläzen: StadtLesen in Trier

Nicht jeder, der zum Stadtlesen kommt, will auch tatsächlich lesen. Mancher benimmt sich, als säße er im eigenen Wohnzimmer. Das kommt gut an - auch bei denen, die lesen wollen.
Ein junger Vater wählt einen der großen Sitzsäcke am Rand des Platzes aus, ein großer Baum spendet Schatten. Auf seinem Bauch liegt sein Baby, reckt das Köpfchen und schaut fasziniert nach oben in die Baumkrone. Vater und Sohn haben sich zu einer Spiel- und Kuschelstunde niedergelassen - mitten in der Stadt, auf dem Domfreihof, umgeben von vorbeieilenden Menschen mit Coffe-to-go-Bechern und Einkaufstaschen in der Hand. "Ich bin begeistert vom Rumfläzen", erklärt er seiner wartenden Frau. Der Mann fläzt mit seinem Baby bei der Aktion Stadtlesen. Seit Donnerstag laden diverse Sitzgelegenheiten und an die 3000 Bücher hier zu einer Lese-Pause ein (der TV berichtete).

Die Aktion Stadtlesen kommt aus Österrreich, das vierte Mal in Folge macht sie Station in Trier. Die vielen Bücher kommen direkt von den Verlagen, sie stellen sie kostenlos zur Verfügung. "Das ist für die eine gute Werbung" erklärt Irma Skenderovic, Leiterin des Projektes vor Ort. Links und rechts des Platzes stehen knapp zwei Meter hohe Regaltürme. Der erste Gang führt die meisten Besucher hierher, und dann haben sie die Qual der Wahl. Romane, Sachbücher, große Autorennamen und (noch) kleine Lichter der Literaturszene - hier ist so gut wie alles dabei. Wer fündig geworden ist, darf seinen Favoriten gerne auch mit nach Hause nehmen - gegen eine Spende für Projekte zur Leseförderung.

Michael Zimmer aus Oberbillig hat etwas gefunden: "Die drei Sonnen", ein utopischer Roman aus China. "Der hat zwei Buchpreise gewonnen, steht auf dem Titelblatt. Das hat mich überzeugt", sagt Zimmer.

Manche kommen aber nicht zum Selbstlesen her, sie hören lieber zu. Zum Dom hin, auf einer kleinen Bühne, unter einem Plexiglas-Dach zum Schutz vor Sonne und Regen, gibt es immer wieder Lesungen. Schauspieler Rufus Beck las zur Eröffnung, am Samstag dürfen bekannte Trierer ihre gedruckten Lieblinge vorstellen. Johannes Kolz, der Zeichner der "Alles-Trier-Reihe" etwa, der Passagen aus einem Buch des Comediens Thorsten Sträter vorliest.

Aber viele kommen gar nicht wegen der Bücher. Sie nutzen Sitzsack, Liegestuhl oder Hängematte ganz einfach für eine Rast im samstäglichen Einkaufstrubel, genauso wie der junge Vater mit seinem Baby. Nicht wenige machen sogar ein Nickerchen. Im Wesentlichen machen sie das, was sie vermutlich auch im heimischen Wohnzimmer tun würden. Sie ziehen die Schuhe aus, legen die Beine hoch, essen ein Eis, unterhalten sich oder tippen auf ihrem Smartphone herum. Ein Pärchen hat sich ineinander verschränkt in eine der Hängematten verzogen. Barbara Müller aus Trier ist zwar extra zum Lesen gekommen, aber auch der lockeren Atmosphäre kann sie viel abgewinnen. "Das ist chillig hier, der Platz gewinnt dadurch. Jeder klatscht sich einfach irgendwo hin." Gerade weil es so entspannt sei, glaubt Müller, könne das Kinder zum Lesen bringen. Immerhin muss man hier nicht so leise sein wie in der Bücherei. Irma Skenderovic sieht es locker. "Alles ist erlaubt, solange es gesittet zugeht", sagt sie. Laute Musik sei nicht erwünscht, auch Müllberge sollten die Besucher natürlich nicht hinterlassen. Aber bisher ist hier tatsächlich alles gesittet: ein chilliger Nachmittag in Triers vorübergehendem Wohnzimmer.