Trier | 18. April 2017 | Autor: Stefanie Braun

Interview mit Kinderlieder-Macher Rolf Zuckowski: "Kinderlieder sind die erste Poesie"

Der bekannte Kinderliedermacher Rolf Zuckowski kommt im September nach Trier und tritt mit dem Chor über Brücken auf.
Mittlerweile kennen drei Generationen seine Lieder, die Rede ist von Rolf Zuckowski. Zu seinem 70. Geburtstag tourt der Musiker durch Deutschland und macht dabei am 24. September im Rahmen des Mosel Musikfestivals auch Halt in Trier, um mit dem Trierer Chor über Brücken in der Arena aufzutreten. Mit Redakteurin Stefanie Braun spricht er über Kinder, Konsumenten und Klassik.

Herr Zuckowski, Hermann Lewen, der scheidende Intendant des Mosel Musikfestivals, hat AnkerSie als einen langjährigen Freund bezeichnet?

Rolf Zuckowski:  Ja, das stimmt! Ich mache jetzt seit 40 Jahren Musik für Kinder, daher auch die Jubiläumstour zu meinem 70. Geburtstag. Die große Öffentlichkeit hat mich eigentlich erst 1981/82 kennengelernt, durch das Lied „Du da, im Radio“ und den Titel „Und ganz doll mich“. Dadurch wurden bundesweit Menschen auf mich aufmerksam, die meine Konzerte noch nicht erlebt hatten. Hermann Lewen war der Erste, der es gewagt hat, mich über mehrere Tage zu buchen. In der Mosellandhalle war ich für drei Konzerte und alle waren ausverkauft. Seitdem war das immer eine meiner festen Freundschaften und Partnerschaften, die sich stetig entwickelt haben.

Das Moselmusikfestival ist eher bekannt für die große Klassik an der kleinen Mosel – Kann man Kinderlieder denn als Klassik bezeichnen?

Zuckowski: Kinderlieder sind für fast alle Kinder die erste Poesie, die sie aufnehmen. Die ersten gesungenen Gedichte, die ersten Erzählungen, sie sind damit auf der Spur, was Musik alles sein kann. Viele Kinder öffnen sich dann auch für mehr, wollen selbst ein Instrument spielen, möchten in einem Chor mitsingen, oder in einer Tanzgruppe sein. Wahrscheinlich gibt es nicht viele Kinder, die direkt in die Klassik einsteigen, die meisten fangen mit dem kindlichen Repertoire an und wachsen dann in neue Dimensionen hinein. Außerdem gehen Lieder, die über viele Jahre immer wieder gesungen werden, in den Volksliedstatus über, umgangssprachlich auch gerne als Klassiker bezeichnet. Dazu zählt zum Beispiel mein Singspiel „Rolfs Vogelhochzeit“, das 1977 erschienen ist und von vielen als „ein Klassiker“ der Kindermusik und -literatur eingestuft wird. Das ist ein großes Kompliment, das ich aber gerne annehme, zumal ich die Vogelhochzeit schon in vielen Varianten gehört habe, inklusive einer mit Symphonieorchester, auch in Bernkastel-Kues mit dem Kaiserslauterner SWR Orchester, aber auch in einer chinesischen Fassung in Shanghai, in einer spanischen Fassung in Guatemala. Dann spürt man, dass der Melodienschatz in diesem Werk und auch die Botschaft, die das Miteinander einer Familie zum Thema hat, Züge der Klassischen Musik trägt. Natürlich melodiös einfacher und für Kinder auf einer Ebene, die sie gut aufnehmen und als Teil ihrer Selbst spüren können. Kinder sind eben nicht nur Zuhörer, sie sind auch sehr schnell aktiv und merken, dass das ihre Musik ist und nicht eine, die man sich nur so anhört.

Wie wichtig ist Musik für Kinder?

Zuckowski: Ich glaube, dass es nicht viele Dinge gibt, außer Essen und Trinken und Geborgenheit, die Kinder so dringend brauchen, denn Musik hat so viele Dimensionen. Wer sich in Musik wohlfühlt, auch spürt, dass in ihm selber Musik stattfindet, der lernt sich selbst besser kennen. Die Persönlichkeit der Kinder wird durch Musik spürbarer, auch für sie selbst. Die Empfindsamkeit gegenüber anderen Menschen, die Fähigkeit zuzuhören, sich in andere hineinzudenken, Empathie zu entwickeln, wird durch Musik ganz stark gefördert. Auch das Interesse an neuartigen Dingen, die man vorher noch nie gehört hat, sowohl musisch als auch sprachlich sowie kulturelle Eindrücke. Musik öffnet Kindern Türen in die Welt, in die sie nun mal hineinwachsen. Und die Gemeinschaft der Kinder profitiert davon, dass Musik Kinder verbindet und sie in gemeinsamen Projekten aufblühen können. Dass sie auch Mut entwickeln können, nach vorne zu treten und vielleicht mal ein Solo zu singen, dass sie sich dann aber genauso gut wieder in ein Ensemble eingliedern und Teil der Gruppe sein können.

Wie muss Musik denn sein, damit sie für Kinder überhaupt ansprechend ist?

Zuckowski: Vieles ist möglich, aber was nötig ist, ist dass der, der die Musik an die Kinder heranbringt glaubwürdig selber spürbar ist. Mit Fröhlichkeit, mit Nachdenklichkeit, mit Übermut und auch mit Traurigkeit. Ich glaube, dass es für Kinder ganz wichtig ist, dass derjenige, der ihnen ein Lied vorsingt, spürbar macht, dass das Kind damit auch einen Teil von dieser Person bekommt. Das fängt beim Komponieren an, geht weiter bei denen, die das Lied interpretieren, und ich denke, es hat dann auch viel mit den Pädagogen zu tun, die wenn sie mit ihren Kindern singen, den Kindern deutlich machen, dass das Singen ihnen auch viel bedeutet. Kinder, die sich in Lieder eine Rolle ausdenken oder einnehmen können, erleben Musik besonders intensiv und ich glaube, dass das eine Kraft ist, die gute Musik für Kinder haben kann und auch sollte.

Sehen Sie Entwicklungen in der Musik für Kinder?

Zuckowski: Das ist ein großes Thema, denn die Musik ist ständig im Wandel. Zum Glück, denn ich wäre selbst nie Musiker geworden, wenn sich in Liverpool nicht vier Jungs zusammengetan hätten und die Beatles geworden wären. Meine Eltern konnten damit nicht viel anfangen, haben aber gemerkt, dass ich weiß, was ich tue. Ich glaube, dass die Musik für Kinder diesen Wandel der Erwachsenenwelt wohl oder übel reflektiert. Viel Musik für Kinder, die heute von jüngeren Musikern gemacht wird, ist rhythmischer, tendenziell lauter. Es gibt immer noch sensible Musik für Kinder, aber weniger davon. Vieles geht eher in die Partyrichtung. Die Sprache ist der Umgangssprache näher gekommen. Sie ist derber, es sind viele Worte dabei, die man früher nicht mal sagen wollte. Die Kinder hören auf dem Schulhof und von ihren größeren Geschwistern, im Fernsehen und sonst, wie man so reden kann und finden es cool, wenn in den Liedern auch so geredet wird. Ich bin da vielleicht noch von der Generation, die versucht eine gewisse Würde in der Sprache, eine Empfindsamkeit anderen Menschen gegenüber zu bewahren. Das man da die Grenzen nicht ohne Not öffnet. Aber zum Glück gibt’s heute viel mehr Musiker, die Musik für Kinder machen. Dadurch ist das Angebot sehr viel individueller geworden.

Was für eine Art Konsumenten sind denn Kinder?

Zuckowski: Man erreicht die Kinder heute immer noch durch direkten Kontakt, auch Blickkontakt mit vielerlei Musik. Ein guter Lehrer, Erzieher kann mit den Kindern in Spielsituationen musizieren. Da sind die Kinder heute nicht anders als früher, wenn man sich die Zeit nimmt und auch das Talent hat, die Kinder musisch zu begeistern. Wenn die Kinder sich selbst überlassen sind, dann haben sie heute natürlich eine Riesenauswahl. Spätestens seitdem die Tablets und Smartphones in den Familien sind wird sehr viel rumgesurft, sehr vieles nur mal kurz angeguckt und oftmals haben die Eltern auch keine Kontrolle darüber, was die Kinder sehen. Da ist eine große Verantwortung auf die Eltern übergewachsen, dem überhaupt irgendwie Grenzen zu setzen. Ich glaube, dass eine Unterhaltungslust, bis eine Unterhaltungssucht größer geworden ist. Aber umso wichtiger ist es, dass einzelne Menschen gegensteuern. Dass die Kinder sich von dieser Art von Streaming-Unterhaltung nicht völlig beherrschen lassen und merken, es gibt auch richtig substanzreiche Dinge, die mir eigentlich noch mehr gut tun, wie selber singen, selber musizieren. Aber das steht in Konkurrenz zueinander und da haben‘s viele Menschen, die mit Kindern persönlich musizieren wollen wirklich schwerer als früher.

Was gibt die musikalische Arbeit mit Kindern ihnen persönlich?

Zuckowski: Es ist die pure Lebensenergie. Kinder äußern ihre Emotionen ohne ständig drüber nachzudenken, was auch die Gefahr für Kinder ist, dass sie sich sehr leicht öffnen. Aber wer es gut mit ihnen meint, der kriegt auch entsprechend viel zurück. Der Blickkontakt zu Kindern ist in der Regel gradliniger und nicht so hinterfragend wie bei Erwachseneren, die sich erstmal ein bisschen abtaxieren. Den Klang der Kinderstimmen höre ich heute noch ganz besonders gerne, für mich ist das ein Naturwunder. Wie Kinder klingen, wenn sie singen und glücklich sind, geht direkt in die Seele. Als Musiker, ich bin ja nicht studiert oder ähnliches, habe ich eigentlich nur durch die Kinder einen so breiten musikalischen Horizont aufbauen können: Das geht vom einfachen, schlicht begleiteten Kinderlied, bis hin zur Arbeit mit Symphonieorchestern, ich habe Musicals mit Kindern erarbeitet, ich konnte Trickfilme realisieren. Meine Vogelhochzeit wird gerade neu verfilmt und kommt Ostern ins ZDF. Diese Bandbreite der Erlebnisse habe ich der Nähe zu den Kindern zu verdanken. Außerdem sind auch die Eltern der Kinder meine Wegbegleiter. Mein Repertoire für Erwachsene würde es vielleicht auch nicht geben, wenn nicht diese Eltern mir in den Konzerten näher gekommen wären.

Jetzt haben Sie aber die „Bühnenauftritte an den Nagel gehangen“ - Wie wird es sich für Sie anfühlen in Trier nochmal mit einem Chor auf der Bühne zu stehen?

Zuckowski: Ich habe mich zurückgezogen, weil ich nicht mehr eigene große Konzerte in voller Länge als Tournee auf die Beine stellen wollte, mit allem, was an Planung und Durchhaltevermögen daran hängt. Ich habe einfach das Gefühl gehabt, dass es jetzt mal gut ist. Aber was mir immer viel bedeutet hat, und was ich auch immer weitergemacht habe ist, zu Gast sein. Bei Konzerten und Feierlichkeiten, zu denen man mich eingeladen hat, habe ich so schöne Momente erlebt, dass es die fehlenden Konzerte voll ausgleicht. Ich habe mehr Zeit für die Menschen, weil ich nicht immer soviel organisatorisch-technisches bedenken muss. Ich kann mich auf die jeweilige Stimmung flexibel einstellen, und spontan aus meinem Repertoire schöpfen. Die Tournee, die mich jetzt durch 40 Orte führen wird, bietet das auf ähnliche Weise. Auch in Trier gibt es das Ensemble, das sich ein Programm mit meinen Liedern erarbeitet und mich dann so einbezieht, wie sie es wünschen. Das heißt im Wesentlichen bin ich ein aktiver Ehrengast und freue mich sehr drauf auch mit einzelnen Liedern auf der Bühne mitwirken zu dürfen. Auf die Arbeit mit dem „Chor über Brücken“ freue ich mich besonders, weil Kinder aus weniger bevorzugten sozialen Hintergründen musizieren sehen, und auch ihr Selbstwertgefühl zu spüren, sehr gut tut. Und meinen Teil dazu beitragen zu können ist für mich eine sehr wichtige und auch sehr befriedigende Aufgabe.

Gibt es etwas, worauf Sie sich in Ihrer Zeit in Trier besonders freuen?

Zuckowski: Ich liebe Flüsse. Die haben mir vom Grand Canyon bis zur Elbe und auch zur Mosel immer viele Geschichten erzählt. An Flüssen leben Menschen, Flüsse haben auch ihre eigene Geschichte, sie haben ihre Landschaften und ich freue mich wirklich sehr, an die Flusslandschaft der Mosel zurückzukommen. Mein Lebensgefühl hat viel damit zu tun, Flüssen auf der Spur zu sein und in Trier und Bernkastel-Kues ist das ganz besonders gut möglich.