Trier | 18. Juni 2017 | Autor: Andreas Feichtner

Jenseits von Gut und Böse

Kein Musical für alle: Jekyll & Hyde Resurrection im Theater Trier wirft einige Fragen auf - aber das ist gar nicht schlimm.
Trier Tja, was ist das nun: Ein Rockmusical, das den Rock nicht so ganz von der Leine lassen will? Oder ein Mittelfinger in Richtung der überladenen Viel-hilft-viel-Großproduktionen mit ihren ganzen Statisten-Völkern und dem Ausstattungs-Überfluss auf der Bühne? Ein gelungener Genremix aus Mini-Musical, Hörspiel und Doku? Ein großer Wurf - mit toller Optik! (Austattung: Daniel Angermayr) - und in starker Besetzung? Oder doch eher eine Randnotiz?
Nach der Premiere von "Jekyll & Hyde Resurrection" werden sich Ja-sager für alle diese Fragen finden - nur eben in unterschiedlicher Anzahl. Am Ende bedankt sich das Premieren-Publikum im Theater Trier mit Standing Ovations - auch wenn es nicht gleich begeistert von den Sitzen springt, wie viele bei der Premiere von "Rent".
Aber von vorn. Regisseur Malte C. Lachmann hat gar keine Ambition, sich besonders ans Musical-Stammpublikum heranzuwanzen. Mit Jekyll & Hyde, dem Musical-Erfolg von Frank Wildhorn, hat die 2006 auf CD erschienene "Resurrection"-Version nur noch bedingt zu tun.
Die Trie rer Variante dauert nur halb so lange wie das Broadway-Original. Sie ist rockiger, das schon, bewirbt sich aber auch nicht gerade um einen Platz beim Wacken Open Air. So hält sich die bestens harmonierende Liveband, die zentral auf einem Bühnenpodest spielt, gelegentlich zurück.
Und, das ist ein gravierender Unterschied: Die Version kommt mit drei Sängern aus, gesungen wird sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch: Mit Kathrin Hanak als Dr. Jekylls Verlobte Emma, die in den ruhigeren Stücken überzeugt, und mit der großartigen Sidonie Smith, die die Prostituierte Lucy spielt - und die bei ihrer Interpretation von "Schafft die Männer ran" (im Original: ""Bring on the men") mitsamt Livekamera für ein frühes Highlight sorgt.
Hanak und Smith spielten auch schon bei der Premiere von Lachmanns Fassung 2014 im Theater an der Rott - damals mit Karl Sibelius als Dr. Jekyll/Mr. Hyde, der auch ursprünglich in Trier für den Part eingeplant war (das Musical war schon in der Spielzeit 2015/16 vorgesehen). Diese Doppelrolle übernimmt in Trier nun Ensemblemitglied Christopher Ryan - der ist vielleicht nicht so eine geborene Rampensau wie Sibelius, aber auch er bringt seinen Guten und Bösen souverän auf die Bühne.
Mit der 130 Jahre alten Novelle von Robert Louis Stevenson, "Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde", hat die Variante der Variante kaum noch etwas zu tun. Die Frauen-Rollen kommen bei Stevenson gar nicht vor. Macht aber nichts.
Das Doppelgänger-Motiv hat sich längst verselbstständigt, es ist nicht nur in der Popkultur der vergangenen Jahrzehnte allgegenwärtig. Lachmann geht es ohnehin mehr um psychologische Aspekte als um einen saftig durchgetakteten Musical-Plot mit übergroßen Emo-tionen. Diese Rolle erfüllen die auf der Bühne umgesetzten Interviews mit einem Theologen, einer Prostituierten und einer Frau, die an einer schizoaffektiven Störung leidet - sie dienen als Klammer zwischen den Songs, auch weil es keine Zwischentexte auf der "Resurrection"-CD gibt. Das macht das Stück sperriger, bremst den Fluss. Aber manchmal darf’s ja auch im Musical mehr ums Nachdenken gehen als ums Mitsingen.



Jekyll & Hyde Resurrection:
Inszenierung: Malte C. Lachmann, Musikalische Leitung/Arrangement, Piano: Dean Wilmington, Ausstattung: Daniel Angermayr, Regieassistenz: Sabine Lambery, Inspizienz: Christian Niegel. Jekyll/Hyde: Christopher Ryan, Lucy: Sidonie Smith, Emma: Kathrin Hanak. Drums: Stefan Schoch, Gitarre: Christoph "Junior" Haupers, Keys: Johannes Still/Marco Lehnerz, Sax: Andreas Steffens, Cello: Maria Kulowska, Bass: Edgar Weidert/Peter Kasper.
Weitere Vorstellungen: 24. Juni, 4., 7., 8., 11., 12., 13., 14. und 15. Juli (Großes Haus)