16. März 2017

Puppen, Prinzen, Protest-Jubiläum

Mary Poppins. Eliza Doolittle.
Meine Lieder, meine Träume. Klingelt da was? Richtig. Alle Figuren - im letztgenannten Titel heißt das Fräulein übrigens Maria und später von Trapp - werden von ein und derselben Frau verkörpert: Julie Andrews. Julie Andrews? Lebt die eigentlich noch? Und wie! Mit gerade einmal 81 Jahren ist die Sängerin und Schaupielerin, geboren am 1. Oktober 1935 im britischen Walton-on-Thames, knapp 18 Meilen südwestlich von London gelegen, aktiv wie eh und je. Zwar wirbelt sie nicht mehr über Bühnen und Leinwände, dafür ab 17. März durch die Studios des Internetfernsehanbieters Netflix, und zwar zusammen mit den Puppen der Jim-Henson-Company. Klingelt wieder was? Richtig: Henson ist der Erfinder der Muppets-Show, deren Protagonisten (unter anderem Miss Piggy, Kermit, Waldorf & Statler) auch ziemlich große Kinder regelmäßig zu Jubelstürmen hinrissen. Die Figuren hatten 1981 ihren letzten Auftritt und werden auch jetzt nicht aus der Puppenkiste geholt. Dafür gibt es neue animierte Wesen, die - unter dem wachsamen Auge von Dame Julie Elizabeth Andrews - ein eigenes Musical inszenieren. Die Idee ist irgendwie ein Familienunternehmen, denn Andrews Tochter Emma Walton Hamilton, selbst Schauspielerin, dazu Schriftstellerin und Theaterleiterin, hatte die Idee zur Serie, die im Original "Julies Greenroom" heißt ("greenroom" ist im Theater der Aufenthaltsraum für die Künstler). In der deutschen Version, deren erste Staffel heute beginnt, wird daraus "Julies Theaterschule". Die Figuren in ersten Trailern der Serie erinnern allerdings mehr an solche aus dem Disney-Kosmos als an Hensons skurril-geniale Puppen und sind nicht frei von reichlich Zucker und einigen Prisen Kitsch. Also typisch Disney, sollte man meinen. Aber auch der uramerikanische Medienkonzern, berühmt-berüchtigt für seine Verklemmtheit bis auf die Knochen, scheint allmählich oder zumindest irgendwie in der Jetztzeit anzukommen. So etwas erkennt man immer ganz gut daran, dass ewiggestrige Moralapostel rummaulen, wenn sie etwas sehen, das nicht in ihr verhölzertes Weltbild passt. Und so was haben sie nun ausgerechnet in der Disney-Neuverfilmung von "Die Schöne und das Biest" entdeckt.
Der Protest reicht sogar einmal um den Globus herum: Der konservative russische Politiker und Duma-Abgeordnete Witali Milonow schäumt in einem Brief an seine Regierung, "dass unter dem Vorwand des Märchens eine offensichtliche und schamlose Sünde gezeigt wird". Die Adressaten reagierten prompt und setzten die Altersfreigabe auf 16 Jahre herauf. In Malaysia wurde der Film "bearbeitet", und ein Kino im US-Bundesstaat Alabama (na ja, wo sonst?) hat den Streifen mit Emma Watson, Dan Stevens und Luke Evans ganz gestrichen. Und was ist der Grund für so viel Schaum vorm Maul? Am Ende des Films tanzen zwei Männer miteinander. Sekundenkurz ist die Szene, doch die obengenannten Eiferer sehen darin eine Darstellung von Homosexualität, "die völlig ungeeignet für Kinder sei". Noch mal die Geschichte in Kürze: Belle gerät in ein Schloss, in dem ein verfluchter Prinz als hässliches Biest haust. Nur die Liebe kann ihn erlösen. Während die Schöne das Ungeheuer näher kennenlernt, macht sich ihr Verehrer Gaston auf die Suche nach ihr. Ihm zur Seite sein Gefährte Le Fou. Der von Josh Gad gespielte Diener ist schwul. Wow, ihr Disneys, was habt ihr euch dabei bloß gedacht? Andererseits: Chapeau. Immerhin wird hier eine gewisse mentale Beweglichkeit und Lernfähigkeit offensichtlich. Und so USAbsurd, wie es derzeit jenseits des Atlantiks zugeht, bedeuten schließlich auch solche Mikroschrittchen winzige Hoffnungsfünkchen am Ende eines noch fast vier Jahre lang dauern-den nachtschwarzen Tunnels. Heute vor genau einem Jahr gab’s in Deutschland heftig Wallung, genauer gesagt, in der deutschen Satirewelt. Den Song "Erdowie, Erdowo, Erdogan", im Magazin "extra 3" ausgestrahlt und im Anschluss für erdrutschartige Verstimmungen zwischen Deutschland und der Türkei sorgend, würde die Redaktion "auf jeden Fall wieder machen", sagte "extra 3"-Leiter Andreas Lange anlässlich des Jahrestags der Ausstrahlung. Und hat sie nicht allen Grund dazu - mehr denn je? Im Nachhinein betrachtet haben Zeilen wie "Ein Journalist, der irgendwas verfasst, was Erdogan nicht passt, ist morgen schon im Knast" - praktisch Tag für Tag - an Gültigkeit noch zugenommen. Und wenn Satire nicht die Halbwertszeit von, sagen wir mal, radioaktivem Jod hat (etwa acht Tage), ist das eigentlich ein ziemlich beunruhigender Zustand.
no/dpa
Unterm Strich - Die Kulturwoche