Bonn | 13. Juli 2017 | Autor: Christopher Beschnitt

"Sie sind langsam und träge, aber musikalisch"

Die als Madame de Staël bekannt gewordene französische Schriftstellerin entfesselte mit ihrem Buch "Über Deutschland" eine Euphorie für ihr Nachbarland. Vor 200 Jahren ist sie gestorben.
Bonn (KNA) Goethe rühmte sie als "Weltfrau", Schiller lästerte über ihre Zunge und Napoleon über ihren Busen. Germaine de Staël hat berühmte Männer ihrer Zeit bewegt. Doch die genannten Herren lernte sie erst als Erwachsene kennen. Mit anderen wichtigen Persönlichkeiten hatte sie hingegen schon in jüngsten Jahren zu tun: Bereits als Kleinkind turnte sie zwischen bedeutenden Denkern wie Diderot und d’Alembert herum - derlei Gäste verkehrten im Salon ihrer Mutter in Paris.
In der französischen Hauptstadt kam die Autorin am 22. April 1766 zur Welt: als Anne Louise Germaine, einziges Kind des schweizstämmigen Ehepaares Jacques und Suzanne Necker. Ihre Mutter war Schriftstellerin und Gastgeberin der intellektuellen Elite der Aufklärung, ihr Vater Finanzminister unter Frankreichs König Ludwig XVI.
Die beiden gaben ihre Tochter 1786 in eine arrangierte Ehe mit Eric Magnus Baron Stael von Holstein. Dieser war Schwedens Botschafter in Frankreich, fast 17 Jahre älter als seine Braut und mitnichten unbeeindruckt von ihrem großen Erbe väterlicherseits. Germaine sagte über ihren Gatten später: "Von allen Männern, die ich nicht mag, ist meiner mir der liebste." So verwundert es kaum, dass die fünf Kinder, die Germaine gebar, nicht alle von dem schwedischen Baron stammten. 1797 trat ein weiterer Mann ins Leben der Madame. Damals traf sie erstmals Napoleon - den sie zuvor als "das ungewöhnlichste Genie der Geschichte" lobgepriesen hatte. Einzuschmeicheln vermochte sie sich bei Bonaparte jedoch nicht. De Staël wird ihm zu macht- und selbstbewusst gewesen sein, zudem bescheinigte er ihr eine diskutable Schönheit. So soll er ihr pralles Dekolletee wie folgt beurteilt haben: "Sie haben gewiss Ihre Kinder selbst gestillt?" Kurz nach der Trennung von ihrem Ehemann anno 1800 war das und de Staël neu liiert: mit dem Schriftsteller und Theoretiker Benjamin Constant, einem Gegner Napoleons.
Drei Jahre später verbannte Bonaparte de Staël aus Paris. Diesen Anlass nutzte sie zu ihrer ersten Deutschland-Reise. In Weimar traf sie Schiller, der feststellte: "Das einzig Lästige ist die ganz ungewöhnliche Fertigkeit ihrer Zunge, man muss sich ganz in ein Gehörorgan verwandeln, um ihr folgen zu können." Goethe indes, der ihre Werke später ins Deutsche übersetzte, huldigte ihr, indem er sie nach einem Kennenlernen "die Weltfrau" nannte.
1808 ging de Staël auf eine zweite Reise über den Rhein. Zwei Jahre später war ihr bekanntestes Buch fertig: "De l’Allemagne", "Über Deutschland". Napoleon ließ die Erstausgabe zwar vernichten. Aber 1813 erschien das Werk im englischen Exil, in das de Staël inzwischen gegangen war. Und so wurde publik, was die Madame von ihren östlichen Nachbarn hielt: Sie seien langsam, träge und ohne Anmut, aber musikalisch. Und Deutsch sei ideal für die Poesie, die Sprache brillanter Literaten und Philosophen. Unterm Strich verklärte de Staël die Deutschen arg und verbreitete das Idealbild des "Landes der Dichter und Denker".
In Frankreich weckte das ein riesiges Interesse an den Deutschen. Goethe, Schiller und E. T. A. Hoffmann wurden ins Französische übersetzt, Victor Hugo und andere bereisten ihr Nachbarland im Osten und beschrieben es euphorisch. Der Historiker Eckart Kleßmann sagte einmal: "Weder zuvor noch danach hat jemals ein Werk der Literatur in solchem Maße dazu beigetragen, das Verständnis eines Volkes für sein Nachbarvolk zu befördern."
Von alledem bekam de Staël nichts mehr mit. Sie starb am 14. Juli 1817 mit 51 nach einem Gehirnschlag - nur ein Jahr nach ihrer zweiten Heirat mit dem Aristokraten Albert Jean Michel Rocca und noch bevor die Auswirkungen ihres berühmtesten Werkes einsetzten.
200 Jahre ist ihr Tod nun her - doch bis heute ist sie unvergessen. So hat der französische Verlag Gallimard sie jüngst in seine renommierte Buchreihe "Bibliothèque de la Pleiade" aufgenommen, in der Werkausgaben von Klassikern der Weltliteratur erscheinen. Madame de Staël ist erst die 14. Frau, der diese Ehre zuteil wird.