Berlin/Longuich | 12. Juni 2017 | Autor: Stefanie Braun

Wo die Reise hingeht

Der Longuicher Winzerbetrieb der Familie Longen erhält für seine Gästehäuser einen ersten Platz beim Landbaukulturpreis 2016

Berlin/Longuich Damals war es ein schöner Frühlingstag, sagt Sabine Longen. Sie sitzt in dem neuen Teil ihrer Vinothek und schaut zur Terrassentür hinaus. Draußen blühen zwar die Büsche und Blumen, doch sie sind nass vom nächtlichen Regen, und dichte Nebelschwaden hängen in den Weinbergen fest. Irgendwo im Nebel versteckt steht das alte Winzerhäuschen, sagt sie, das, an dem sie vor sieben Jahren mit Mattheo Thun gestanden haben, einem Architekten aus Mailand, mit dem sie über ihr Wunschprojekt gesprochen hatten.
Zu diesem Zeitpunkt hatten Sabine und Markus Longen bereits seit einigen Jahren den Weingutsbetrieb von Markus’ Eltern übernommen. Sie machten aus dem reinen Fassweinbetrieb, der den Most an Genossenschaften ablieferte, einen Selbstvermarktungsbetrieb. Sie wollten den Kontakt zum Produkt bis zum Ende behalten, Flaschen selbst an den Kunden verkaufen und somit auch einer unruhigen Zukunft entgegenwirken.
"Wetterunbilden waren damals schon abzusehen", sagt Sabine Longen. Hagel, heftige Regenschauer, feuchte, kühle Sommer, aber auch Schlammlawinen und Ähnliches sind heute handfeste Probleme vieler Winzer und standen 1999 bereits in den Startlöchern. Der Betrieb musste sich noch mal verändern, um überlebensfähig zu bleiben.
Die Longens setzten damals auf einen noch nicht bekannten Trend: die Regionalität. Sie vermarkteten den eigenen Wein zusammen mit Produkten aus regionalen Betrieben, kochten altbekannte, typische Moselspezialitäten, setzen auf Frische, Saisonalität und kurze Lieferwege. Dabei dachten sie erst einmal an Touristen als Zielgruppe. "Wir waren ein wenig überrascht, dass gerade die Einheimischen unsere Vinothek vom ersten Moment an so gut angenommen haben," sagt Sabine Longen, und in ihrer Stimme schwingt auch heute noch unverhohlene Freude mit. Die Zahl der Stammgäste, die Freude an den regionalen Produkten und Gerichten hatten, sei stetig gewachsen. Schon bald sei es bei Weinproben richtig eng geworden.
2009 war es dann so weit: Die Longens beschlossen, ihre Vinothek auszubauen und sich einen lange gehegten Traum zu erfüllen: "Wir hatten schon früher überlegt, Gästezimmer anzubieten," erzählt Longen, der Zeitpunkt sei mit der Einführung der Vinothek unter dem völlig neuem Konzept aber ungünstig gewesen. Jetzt sahen sie den Moment gekommen: "Wir waren noch jung genug und wollten diese Investition starten. Gleichzeitig sollte das Projekt aber auch etwas werden, was für uns selbst noch mal ein besonderes Highlight, eine Herausforderung sein sollte."
Damals lief ihnen immer wieder der Name Mattheo Thun über den Weg: in Fachzeitschriften, in Büchern oder in Zeitungsartikeln. Ein Architekt mit einem Büro in Mailand, dessen Philosophie sie beeindruckt hatte. "Der Gedanke der Nachhaltigkeit, seine klassische Ausrichtung, die Zeitlosigkeit seiner Arbeit und vor allem sein regionales Gespür, auch was die Materialität angeht, das hat uns einfach sehr gut gefallen."
Sabine Longen erinnert sich noch gut an den ersten Kontakt: Es war an einem Freitagabend oder eher in einer Freitagnacht. Kurz nach 1 Uhr morgens, die letzten Gäste hatten gerade die Vinothek verlassen, sie und ihr Mann waren noch im Büro, um Papierarbeiten zu erledigen. Dabei sprachen sie über ihre Pläne mit der gewollten Gästebeherbergung, und die Ideen sprudelten nur so aus ihnen heraus. Schließlich öffneten sie ihr E-Mailprogramm und formulierten eine Drei-Satz-Nachricht an Mattheo Thun, dass sie einen kleinen Winzer-Familienbetrieb an der Mosel führen würden, dass sie offen für seine Ideen wären und dass sie sich gerne in Mailand mit ihm treffen würden. Noch einmal über die Mail lesen, und schon war sie losgeschickt. Montags öffneten sie ihr Postfach und hatten bereits eine Antwort. Genauso kurz, der vorgeschlagene Termin würde passen, Thun würde sich schon auf das gemeinsame Essen und die Vorstellungen der beiden freuen. Die Original-Mail hängt heute im Frühstücksraum, einem separaten Häuschen gegenüber der Vinothek.
Von da an war alles im Fluss. Im April 2010 kamen die Longens, Thun und das Architekturbüro Stein, Hemmes und Wirtz, das sich um die Angelegenheiten vor Ort in Deutschland kümmern wollte, im Weingut zusammen.
Sie saßen auf der Terrasse, schauten in die Landschaft, fuhren hoch in die Weinberge und betrachteten von einem Weinbergs häuschen, in dem Maschinen und Arbeitsgerät gelagert wurden, das Tal. Thun schaute auf den Moselort und wusste es sofort: eine kleinteilige Lösung musste her. Bloß nichts Großes oder Hohes, was nicht in den Ort passte, und es musste auf jeden fall etwas mit Schiefer sein. Und mit Eiche, damit es an die typischen Weinfässer erinnert; ansonsten alles eher zurückgenommen, naturbelassen, unaufdringlich und harmonisch.
Thun suchte nach einer Lösung, die sich perfekt in das Landschaftsbild einfügen sollte, so als würde es einfach dazugehören und einen nützlichen Sinn erfüllen, wie das kleine Weinbergs häuschen, an dem sie damals standen. 20 kleine Gästehäuschen, umgeben von kleinen Gärten und niedrigen Zäunen, entwarf Thun, mit großen scheunenähnlichen Toren, der Gebäudekorpus aus Eichenholz, vertäfelt mit Schiefersteinen. Der Innenraum aus Eiche, mit einem Holzbett, einem Holztisch, einem Weidenkorb, beleuchtet von einer einzelnen Lampe ohne Fassung, als Deko-Element eine Holzleiter an die Wand gelehnt.
Sabine Longen wischt etwas Regenwasser von den Gartenstühlen vor dem Gästehaus. Sie sind nur wenige Meter von der Vinothek entfernt, jedes einzelne von ihnen eine eigene abgeschlossene Welt. Es ging auch darum, das in der Architektur weiterzuführen, was man zehn Jahre lang schon in der Vinothek gelebt hatte, erklärt Longen: "Regionalität, Genuss, Natur und Ich-Zeit."
"Der Mensch lebt in der Natur und nicht in der Architektur", so steht es auf einer der Tafeln im ebenfalls von Thun entworfenen Anbau an die alte Vinothek.
Das passe nicht nur perfekt zu dem Projekt in Longuich, sagt Sabine Longen, sondern fasse auch Thuns eigene Entwicklung als Architekt zusammen. "Früher war ihm wichtig, dass sein Name auf seinen Arbeiten steht", heute stehe im Vordergrund, dass sich die Gebäude in die Region einpassen und dort Fuß fassen könnten.
Wenn Sabine Longen in dem kleinen Garten steht, das Gästehaus mit weit geöffneten Toren hinter ihr, dann ist sie umgeben von Natur: Sie schaut über die gepflanzten Sträucher hinweg auf die grünen Weinberge, in denen sich noch ein paar letzte Reste Morgennebel vor der Frühlingssonne verstecken konnten. "Unsere Gäste kommen oft auch mal nur für ein Wochenende, einfach, um sich zu erholen, zu entschleunigen und die Natur zu genießen." Man müsse sich in diesen Häuschen einfach mit der Natur auseinandersetzen, alleine wer frühstücken wolle, müsse morgens durch die Gärten zum separaten Frühstückshaus laufen. Wer das Scheunentor öffnet, sieht sofort ins Grüne, wer hinaustritt, ist umgeben von Weite, die umrahmt wird von Weinbergen. Sabine Longen schließt die großen Scheunentore wieder, irgendwo da oben könnte man auch das alte Winzerhäuschen sehen, sagt sie. Das, an dem sie und Thun damals auch die Ideen überkommen hätten.
Wie gut sich die Gästehäuschen in Winzerausstattung in die Region einbetten, ist auch den Preisrichtern des Landbaukulturpreises 2016 aufgefallen. In ihrer Laudatio bei der Verleihung in Berlin sagten sie damals, dass die Häuser mit ihren typischen Bruchsteinen und Schieferdächern früheren Übernachtungsgelegenheiten der im Weinberg arbeitenden Winzer ähnelten, dass sie nicht nur auf architektonischer Ebene, sondern auch auf landschaftsarchitektonischer Ebene überzeugten. Deswegen gab es den ersten Preis in der Kategorie Neubau.
Der Trierische Volksfreund stellt die drei Preisträger des Landbaukulturpreises vor, nächstes Mal die umgebaute Scheune der Familie Schiltz.
Teil dieser Reihe ist auch die Scheune in Minden (Eifelkreis Bitburg-Prüm), die im Architekturjahrbuch 2016 steht. Hier geht’s zu den Artikeln: www.volksfreund.de/baupreis
Preisgekrönte Heimat