Luxemburg | 28. April 2017 | Autor: Nico Wildschutz

Premier pariert peinliche Panne

Luxemburgs Regierungschef Xavier Bettel spricht zur Lage der Nation. Doch niemand hört ihn.
Luxemburg In der Chamber, dem luxemburgischen Parlament, haben sich in dieser Woche Szenen abgespielt, die wohl in die Geschichte des Großherzogtums eingehen werden. Hintergrund: Eine technische Panne führte dazu, dass Premier Xavier Bettel seine Rede zur Lage der Nation abbrechen und am folgenden Tag noch einmal halten musste.
Das Luxemburger Tageblatt, das dem Geschehen in zwei Ausgaben jeweils mehrere Seiten widmete, rekapitulierte chronologisch, wie es zu der historischen Panne kam.

Immer wieder laufen einzelne Chamber-Mitarbeiter zu Parlamentspräsident Mars di Bartolomeo, während Xavier Bettel vorn am Rednerpult steht und seine Rede zur Lage des Landes hält. Der Parlamentspräsident ist sichtlich aufgeregt und versucht unauffällig, die Saaldiener zu sich herüberzurufen, um ihnen im Flüsterton Befehle zu erteilen. Was den Zuschauern - oder eher Zuhörern - im Saal seltsam vorkommt, sind die Symptome eines Debakels für den Premierminister und das Parlament. Denn während der ersten etwa 15 Minuten, in denen Xavier Bettel spricht, dringt kein einziger Mucks nach draußen. Chamber TV hat - genau wie die beiden öffentlich-rechtlichen Radio- und Fernsehsender RTL und 100,7 - keinen Ton. Die beiden Sender lösen die Probleme schnell auf ihre Weise, indem sie eigene Mikros vor den Premierminister stellen. Normalerweise erhalten sie ihren Ton durch eine Büchse, die über einen zentralen Verteiler der Chamber-Technik läuft.
Während Bettel damit beschäftigt ist, den Journalisten zu helfen, ihre Mikros in Stellung zu bringen, läutet Mars di Bartolomeo seine kleine Glocke, mit der er eine eigene Wortmeldung ankündigt: "Wir haben ein Problem mit dem Ton. Die Sitzung ist unterbrochen." Im Saal bricht Unruhe aus. Die Abgeordneten fangen an, untereinander zu tuscheln und stehen auf. Auf der Journalistentribüne das gleiche Bild. Keiner weiß, wie lange die Unterbrechung dauern wird. Mars di Bartolomeo fängt an, durch den Saal zu rennen. Während einige Abgeordnete grinsen, sind andere schon dabei, Fotos zu schießen und über das Geschehnis zu twittern. Dann stehen die ersten auf und verlassen das Parlamentsgebäude, um frische Luft zu schnappen. Innerhalb kürzester Zeit ist der Saal, abgesehen von ein paar Abgeordneten, fast leer. Nach etwas mehr als 20 Minuten ruft der Chamber-Präsident eine improvisierte Sitzung der Chefs der politischen Fraktionen zusammen. Wenige Minuten später tritt er wieder hinter sein Pult, läutet die kleine Glocke und ruft so alle Abgeordneten auf ihren Platz. Die Sitzung sei abgesagt und die Rede zur Lage der Nation finde am darauffolgenden Tag um 8.30 Uhr statt, kündigt er an. Ein Raunen geht durch den Saal. Die Abgeordneten werfen sich gegenseitig ungläubige Blicke zu und fangen an, ihre Sachen zusammenzupacken. Einige schütteln den Kopf. Die Journalisten senden Nachrichten an ihre jeweiligen Redaktionen. Zwei Stockwerke tiefer verlassen die Politiker in kleinen Gruppen die Chamber. Dieses Mal definitiv. Die meisten wollen das Ganze nicht kommentieren. Andere nehmen es mit Humor und gehen mit einem Lächeln im Gesicht aus dem Gebäude. Währenddessen machen sich die Techniker der Chamber an die Arbeit. Für sie wird die Nacht besonders lang. Wenn Xavier Bettel am nächsten Morgen hinter das Rednerpult tritt, muss alles klappen. Die vierte Rede zur Lage des Landes der jetzigen Regierung wird jedenfalls jedem, der vor Ort war, im Gedächtnis bleiben.

Am Tag darauf, Mittwoch, 26. April, hält Premier Bettel dann erneut seine Rede - pannenfrei. Seine Regierung konstatiert eine erfreuliche wirtschaftliche Entwicklung (siehe links: Luxemburg in Zahlen). Ein loses Kabel im Keller des altehrwürdigen Parlamentsgebäudes - locker geworden durch die Erschütterungen auf den aktuellen Baustellen auf dem Krautmarkt - sei die Ursache der Panne gewesen, erklärte Parlamentspräsident Mars di Bartolomeo den Parlamentariern und dem mittlerweile wieder zugeschalteten Volk ...
Der Autor ist Redakteur beim
Luxemburger Tageblatt.