Bernkastel-Kues | 19. April 2017 | Autor: Markus Philipps

Ein echtes Juwel moderner Architektur

Vor 125 Jahren wurde das ehemalige Bernkasteler Amtsgerichtsgebäude seiner Bestimmung übergeben. Das kunstvoll gestaltete Bauwerk dient heute als Dienstsitz der Verbandsgemeinde-Verwaltung.
Bernkastel-Kues Der Bernkasteler Amtsgerichtsrat Hermann Bresgen hat im April 1892 das in der Schanzstraße errichtete Dienstgebäude des früheren Preußischen Amtsgerichts eröffnet. Bei der feierlichen Einweihung des aus Schiefer-Bruchsteinen bestehenden Verwaltungsbaus wurde eine festliche Rede zu Ehren Kaiser Wilhelms II. gehalten und ein dreifach donnerndes Hoch auf das deutsche Staatsoberhaupt ausgebracht. Anschließend fand die erste Schöffensitzung im Neubau statt.
Anlässlich dieses Ereignisses berichtete die Bernkasteler Zeitung: "Das neue Amtsgericht (...) präsentiert sich sowohl von der Mosel- als auch von der Provinzialstraßenseite in seinen mächtigen, vollendeten Formen und architektonisch schönen Gliederungen aufs Beste. Das ganze Äußere mit seinen wuchtigen Mauern und seinem himmelanstrebenden Dachwerke erinnert an die kolossalen, zinnengekrönten Bauwerke früherer Zeiten."
Bresgen selbst bezeichnete den stilvollen Bau in einem 1896 erschienenen Stadtführer als "ein echtes Juwel moderner Architektur", das "schwungvoll im Plane erdacht" und "mit harmonischer Sorgfalt in der Ausführung" fertiggestellt wurde. Für die hochgelobte Planung des Gebäudes zeichnete der 1891 verstorbene Königliche Ober-Baudirektor Endell aus Berlin verantwortlich (siehe Extra). Die zweijährigen Bauarbeiten standen unter der Oberaufsicht des Königlichen Baurates Freudenberg und des bauleitenden Beamten Regierungsbaumeister Junghann.
Vor der Errichtung des imposanten Verwaltungsgebäudes war das Bernkasteler Amtsgericht ab den 1880er Jahren in angemieteten Räumen in der Schanzstraße untergebracht. Der neuerbaute Amtssitz verfügte über drei geräumige Etagen: Das Erdgeschoss beherbergte die Wohnung des Gerichtsdieners nebst drei Zellen für Untersuchungsgefangene, welch’ letzteren man die so herrliche Moselaussicht nahm, indem man eine vier Meter hohe Mauer um den davorliegenden Hof zog."
In der ersten Etage befanden sich die Grundbuchkanzlei mit separatem Aktenraum sowie zwei großzügig bemessene Richterzimmer mit Moselblick. Neben der Grundbuchkanzlei wurde die durch eisenbeschlagene Türen und vergitterte Fenster geschützte Gerichtskasse eingerichtet. Das zweite Stockwerk beherbergte einen mit "gediegenen Möbeln", einer Holzdecke und schmucken Wanddekorationen ausgestatteten Sitzungssaal.
Daneben lagen die Ratskammer, die Gerichtsschreiberei sowie ein Zeugen-, Warte- und Terminzimmer. Eine weitere erwähnenswerte Besonderheit des stadtbildprägenden Bauwerkes: Das denkmalgeschützte Haus überstand in seiner typischen Bauart als einziges Preußisches Amtsgericht im hiesigen Landgerichtsbezirk den Zweiten Weltkrieg.
Sogar das über dem Haupteingang eingemauerte Wappenrelief mit Preußenadler ist vollständig erhalten geblieben.
Nach dem Bau einer neuen Dienststelle im Stadtteil Kues erfolgte 1988 der Auszug des Amtsgerichts aus dem historischen Gebäude, das sich heute im Besitz der VG-Verwaltung Bernkastel-Kues befindet.
Extra: DER ARCHITEKT KARL FRIEDRICH ENDELL

Der bedeutende deutsche Architekt Karl Friedrich Endell (1843-1891) machte ab 1876 eine Karriere als Baumeister im Preußischen Ministerium für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten in Berlin. 1889 wurde er zum Ober-Baudirektor befördert und in die Preußische Akademie des Bauwesens berufen. Darüber hinaus gehörte Endell einst der Redaktion der amtlichen "Zeitschrift für Bauwesen" an. 1881 beteiligte sich der große Baukünstler zudem an der Gründung des "Centralblatts der Bauverwaltung".