Enkirch | 19. März 2017 | Autor: Holger Teusch

Fassaden, die lügen, und offene Fragen

30 Gebäude sind im Fachwerkdorf Enkirch detailliert untersucht worden. Dabei gab es einige Überraschungen.
Enkirch Es war ein Zufall, aber es hätte nicht besser passen können: Im Enkircher Heimatmuseum, in dem dokumentiert wird, wie die Menschen in früheren Zeiten an der Mosel lebten, fand der Bauforscher Matthias Preißler den ältesten Balken des Moselorts. "Wir haben im Heimatmuseum eine große Serie von Proben nehmen können", erzählt er. Dazu wurden wie in 29 weiteren Häusern alte Holzbalken angebohrt und der Bohrkern dendrochronologisch untersucht. "An der unterschiedlichen Stärke der Jahresringe kann man das Alter bestimmen", erklärt Preißler die Methode. Das Ergebnis: Der besagte Balken stammt aus dem Jahr 1396. "Plus, minus zehn Jahre", sagt der Wissenschaftler zur Genauigkeit.
Das Heidelberger Büro für Bauforschung, Dokumentation und Konzeption (BDK) hatte im vergangenen Herbst und im Februar Enkircher Häuser datiert und ihren baulichen Zustand dokumentiert. Mit dem Pilotprojekt des rheinland-pfälzischen Landesdenkmalamts sollte festgestellt werden, wie aufwendig es ist, bisher nur in einem Schnellverfahren erfasste historische Ortskerne genauer zu untersuchen.
Rund 30 000 Euro habe das Projekt gekostet, sagt Vize-Landeskonservatorin Dr. Doris Fischer. Die Ergebnisse wurden jetzt vor rund 80 interessierten Bürgern im Gemeindehaus Alte Schule präsentiert.
"Das Ergebnis hat unsere Erwartungen übertroffen", sagte Fischer. "Wir haben schöne Fassaden, aber viele lügen. Hinter den Fassaden steckt oft eine viel komplexere Hausgeschichte, als es den Anschein hat", erzählte BDK-Leiter Achim Wendt. Die ursprünglichen Häuser seien oft sehr klein gewesen. Das erkenne man an den Kellern, die noch von den Ursprungsbauten stammen.
Interessant sei auch, dass in Enkirch ganze Straßenzüge innerhalb weniger Jahre entstanden seien. So habe man den Bau fast der Hälfte der untersuchten Häuser auf die Zeit zwischen 1590 und 1618 datiert, erzählt Preißler. Ein Phänomen, das es nur hier so gebe. Warum Enkirch vor dem Dreißigjährigen Krieg derart gewachsen sei, darauf habe man keine Antwort.
Nicht beantwortet werden konnte auch die Frage, die vielen Besitzern denkmalgeschützter Häuser heutzutage auf den Nägeln brennt: Wie finanziert man Mehrkosten, die durch denkmalgerechte Renovierung entstehen? "Bei Zuschüssen habe ich die Erfahrung gemacht, dass es am Ende mehr gekostet hat, als wenn wir es ohne gemacht hätten", so die Erfahrung des Enkirchers Martin Fischer, der mit seiner Familie in einem alten Fachwerkhaus wohnt.
Dass die finanzielle Unterstützung besser sein müsste, darin stimmt die Vize-Landeskonservatorin Fischer zu. Esther Klinker macht aber auf kostenlose Beratung aufmerksam, die Geld sparen könne. "Fachwerk ist wie Mikado", sagt die zuständige Denkmalschutz-Gebietsreferentin. So könne es vorkommen, dass ein Haus schief stehe, nur weil ein Balken fehle. Mit ihrem Wissen könnten die Eigentümer langfristig Geld sparen. Auf Dauer lohne sich das Engagement in die historische Bausubstanz für die Moselorte, glaubt Doris Fischer. Der Bonner Ulrich Harz beispielsweise hat ein altes Anwesen in Enkirch als "Fluchthaus" vom Alltag gekauft. "Das ist hier eine ganz andere Welt", sagt der Marketingfachmann, der fragt: "Wieso sollen nur alte Häuser in der Toskana gekauft werden?"
FACHWERKDORF ENKIRCH

Extra
Im Jahr 733 wurde Enkirch erstmals urkundlich erwähnt. Der alte Ortskern ist als Denkmalzone ausgewiesen. 57 Einzelgebäude, darunter viele Fachwerkbauten, stehen unter Denkmalschutz. Seit 2014 engagiert sich die Bürgerstiftung Fachwerkdorf Enkirch um die Erhaltung der historischen Gebäude. Der Vorsitzende Dieter Bautz half bei der Koordinierung der Pilotstudie, wie bei der Vermittlung von Besuchsterminen der Wissenschaftler in den oft bewohnten Häusern.