Rom/Vatikanstadt | 18. Juni 2017 | Autor: Lena Klimkeit und Jörg Blank

Freunde im Geiste

So viel Zeit nimmt der Papst sich selten: Angela Merkel kommt der Schulterschluss mit Franziskus gelegen.
Rom/Vatikanstadt (dpa) Angela Merkel und Papst Franziskus begegnen sich fast wie zwei alte Freunde. Sie begrüßen sich lächelnd, dann sagt sie: "Danke, dass ich wieder hier sein kann." Die mächtige Kanzlerin bekommt am Samstag vom mächtigen Kirchenoberhaupt das, was sie sich von dem Treffen im Vatikan erhofft hat: moralische Stärkung vor der schwierigen G20-Runde und der Auseinandersetzung mit US-Präsident Donald Trump. Und schöne Bilder mit dem beliebten Kirchenführer mitten im Wahlkampf.
Gut 40 Minuten lang beraten Merkel und Franziskus über die großen Probleme dieser Welt. Kaum einem anderen Staats- oder Regierungschef schenkt der Papst so viel Zeit wie der Kanzlerin.
Auch wenn die konkreten Inhalte des Gesprächs geheim sind, setzt der Papst klare Zeichen der Zuneigung zu Merkel und ihrer Politik. Gut hörbar würdigt der 80-Jährige die Kanzlerin bei der Übergabe der Geschenke besonders "für die Arbeit, die Sie für den Frieden tun". Einigkeit herrscht auch im Kampf gegen die Armut in Afrika und den Terrorismus sowie für den Klimaschutz.
Außerdem gibt es kleine symbolische Zeichen, die eine besondere Nähe deutlich machten. Beispiel: Als Franziskus vor fast einem Monat Trump empfangen hatte, musste der genau gegenüber Platz nehmen. Der schwere Schreibtisch dazwischen wirkte wie eine Barriere. Franziskus platziert Merkel dagegen nahezu neben sich, beide sitzen einander offen zugewandt am Eck des Holztischs.
Die Kanzlerin sieht sich bestärkt, trotz des Widerstands von Trump an ihren zentralen Zielen festzuhalten. "Er hat mich ermutigt, auf diesem Weg weiterzugehen", sagt sie nach dem Gespräch mit dem Papst. Sie wolle sich einsetzen für "eine Welt, in der wir keine Mauern aufbauen wollen, sondern Mauern einreißen wollen". Solche Worte könnten vom Pontifex, dem "Brückenbauer", selbst stammen.
Dass die Kanzlerin den Kampf gegen die Armut in Afrika zu einem G20-Schwerpunkt erklärt, dürfte den Argentinier besonders freuen. Er versteht sich als Stimme der Schwachen. Aufhorchen lässt ein weiterer Satz der Kanzlerin: Sie wolle "versuchen, Schritt für Schritt auch Erfolge für die gesamte Weltgemeinschaft zu erzielen". Noch vor einer Woche hatte sie in Argentinien und Mexiko beteuert, die ihr von manchem wegen Trump unterstellte Rolle als neue "Führerin der freien Welt" komme ihr nicht zu.
Merkel schätzt den Papst als besonders beeindruckende Persönlichkeit. Auf der anderen Seite betrachtet sie den Vatikan nüchtern als weltumspannende Organisation mit großem diplomatischen Einfluss und ohne Nationalinteressen. Das kommt ihrem multilateralen Ansatz im Kampf gegen Krisen und Armut entgegen.
Bei einer Privataudienz ist es üblich, dass der Gast dem Papst seine Delegation vorstellt. Am Samstag schüttelt auch Joachim Sauer die Hand von Franziskus - anders als bei den meisten Reisen ist der Ehemann der Kanzlerin in Rom mit dabei.
Die Kanzlerin schenkt dem Argentinier Leckereien aus dessen Heimat, die sie vor gut einer Woche besucht hatte: den karamellartigen Brotaufstrich Dulce de Leche und Alfajores, mit Schokolade umhüllte Kekse. Außerdem kann sich der Musikliebhaber Franziskus über eine Beethoven-Gesamtausgabe freuen. Franziskus überreicht Merkel einen Olivenzweig als Würdigung ihres Einsatzes für den Frieden. Dazu gibt es vom Papst drei in rot gebundene Ausgaben seiner Lehrschriften in deutscher Sprache. Auch hier steckt Symbolik dahinter: Die Werke beschäftigen sich mit Familienpolitik, Umwelt- und Klimaschutz.