Saarburg | 19. Mai 2017 | Autor: Marion Maier

Vom Neonazi zum Theologen

Mit 17 prügelt Johannes Kneifel so brutal auf einen Mann ein, dass dieser am nächsten Tag stirbt. Im Gefängnis findet er zu Gott. In Saarburg liest er aus seinem Buch "Vom Saulus zum Paulus".
Saarburg Gewalt, rechte Musik, Alkoholexzesse und das Gefühl, nicht zu dieser Gesellschaft zu gehören - so sah der Alltag von Johannes Kneifel als Jugendlicher aus. Mit 17 Jahren dann der verhängnisvolle Ausraster: Zusammen mit einem Freund schlägt er einen Nazigegner in dessen Wohnung zusammen. Der Mann stirbt an den Verletzungen. Kneifel wird zu fünf Jahren Jugendhaft verurteilt. Im Gefängnis beginnt für ihn ein neues Leben.
Wie schauen Sie heute auf diese Tat zurück, die Sie damals ins Gefängnis gebracht hat? Spüren Sie da immer noch Reue oder haben Sie sich mit sich selbst versöhnt?
Johannes Kneifel Ich schaue normalerweise überhaupt nicht mehr auf die Tat zurück. Ich lebe mein Leben in der Gegenwart und schaue in die Zukunft. Von daher spielt meine Vergangenheit überhaupt keine Rolle mehr.
Ist es nicht schwierig, wenn Sie sich bei Lesungen immer wieder mit dem Thema auseinandersetzen?
KNEIFEL So schwierig ist das nicht. Es ist ja durchaus so, dass ich die ganze Geschichte aufgearbeitet habe, auch psychologisch. Von daher habe ich das alles ganz gut verarbeitet.
Wie findet man ausgerechnet im Gefängnis zum Glauben?
KNEIFEL Vor allem in Krisensituationen sind Menschen offener für Gott, für spirituelle Dinge. Und Gott gibt keinen Menschen auf, egal, ob er im Gefängnis ist, in einer Sucht oder sonst wo drinsteckt. Von daher kommt da in Gefängnissituationen einiges zusammen: dass Menschen auf der Suche sind und Gott sowieso auf der Suche nach Menschen ist.
Waren da auch bestimmte Menschen ausschlaggebend?
KNEIFEL Es ist natürlich schwierig, Gott direkt kennenzulernen. Für mich war es so, dass mir im Gefängnis Menschen begegnet sind, die mir mit der Art, wie sie mit mir umgegangen sind, im Prinzip Gottes Wesen nahegebracht haben und damit auch geholfen haben, Gott zu entdecken.
Sie haben nach der Zeit im Gefängnis Theologie studiert und arbeiten als Freiberufler. Was machen Sie da genau?
KNEIFEL Ich predige in Gottesdiensten, in Jugendgottesdiensten, gebe zu biblischen Themen Impulse weiter und begleite Menschen seelsorgerisch.
Kann man davon leben?
KNEIFEL Der deutsche Staat sagt, dass man von Hartz IV leben kann, also kann man auch als freiberuflicher Theologe leben, aber ich bin nicht auf Rosen gebettet. Und ansonsten bin auf der Suche nach einer Gemeinde.
Sie haben mal gesagt, Sie wollen Vorbild sein, zeigen, wie man aus der Sucht oder der rechten Gedankenwelt herauskommt. Funktioniert das?
KNEIFEL Es ist ganz praktisch so, dass ich Vorbild für ganz viele Leute bin. Die Menschen schauen natürlich, ob das funktioniert, was ich mache, ob mein Glauben und mein Tun miteinander übereinstimmen. Und wenn sie sehen, dass das so ist, bin ich gerade für Leute, die Orientierung suchen, gerade auch für junge Menschen im Umgang mit eigenen Fehlern Vorbild.
Sind Sie auch schon auf knallharte Nazis getroffen. Konnten Sie da was bewegen?
KNEIFEL Es ist die Frage, was knallharte Nazis sind. Also den harten Kern der rechten Szene erreiche ich nicht. Dafür müssen Leute schon im Nachdenkprozess drin sein. Aber ansonsten ist es ja so, dass nationalsozialistische Ideen leider auch in weiten Teilen der Bevölkerung verbreitet sind und von daher stoße ich ständig auch bei Leuten, die sich nicht als überzeugte Nazis bezeichnen würden, auf nationalsozialistisches Gedankengut.
Wie versuchen Sie, diese Menschen zu erreichen?
KNEIFEL Ich versuche vor allem Gespräche darüber zu führen, was diese Leute eigentlich wollen. Gegen Menschen zu hetzen, ist natürlich sehr einfach. Aber die Frage ist, ob man damit überhaupt irgendetwas erreichen kann. Wenn Leute halbwegs intelligent sind, dann wissen Sie genau, dass man mit Hetze überhaupt nichts Positives bewegen kann. Dann versuche ich, das Gespräch darauf zu lenken, welche Ziele die Menschen haben und aufgrund von welchen Werten man diese erreichen kann. Das ist mit manchen Leuten durchaus möglich.
Können Sie heute noch nachvollziehen, wie Sie zum Nazi geworden sind?
KNEIFEL Ja, das kann ich schon nachvollziehen. Das ist ja keine Blackbox. Es gibt genug wissenschaftliche Studien dazu, warum Menschen Extremisten werden - seien es politische oder religiöse. Viele der Faktoren haben bei mir damals auch eine Rolle gespielt und von daher ist das schon rein sachlich nachvollziehbar.
Was waren die wichtigsten Faktoren bei Ihnen?
KNEIFEL Ein ganz wichtiger Faktor war, dass ich sozial ziemlich isoliert war, dass ich Anschluss gebraucht habe. Da bieten extremistische Gruppen dann sehr viel mit Kameradschaft. Dann war da natürlich auch die Unzufriedenheit mit meiner Lebenssituation, die ich aufgegriffen und in einen größeren Zusammenhang gestellt habe. Ich habe mir dann Feindbilder oder tatsächliche Feinde präsentiert, die ich dafür verantwortlich machen konnte.
Interview Johannes Kneifel
Extra: UNTERWEGS ALS FREIER THEOLOGE

Johannes Kneifel (34) ist in Celle aufgewachsen und lebt in der Oberpfalz. Er hat evangelische Theologie studiert und ist als freier Theologe tätig. Zu seinem Repertoire gehören Predigten in Gottesdiensten, egal welcher Konfession, Bibelarbeiten, beispielsweise zu den Themen: "Vergebung", "Gesellschaft gestalten" oder "Gottes Sicht auf Strafvollzug", Gewalt- und Extremismusprävention an Schulen, Lesungen aus einem Buch "Vom Saulus zum Paulus" und Vorträge und Gesprächsrunden in Jugendhilfeeinrichtungen und Gefängnissen.
Extra: DIE LESUNG IN SAARBURG

Johannes Kneifel liest am Samstag, 20. Mai, um 18 Uhr in der Kulturgießerei Saarburg. Die Lesung bildet den Auftakt zum Saar-Hunsrück Literatur- und Musikfestival. Der Verein, der dahintersteht, nennt sich Literatur-on-tour Saar-Hunsrück. Er hat das Konzept für das Festival geändert. Statt an einem Wochenende finden die Lesungen und Konzerte nun breiter gestreut statt. Die zweite Festivalveranstaltung, die bereits feststeht, trägt den Titel: "Warum Heinz mit Erhardt lacht." Schauspieler Michael Ophelders und Pianist Winni Schlüters tragen am Sonntag, 11. Juni, 18 Uhr, in Mandern im Jugendheim Gedichte und Lieder von Heinz Erhardt vor. Karten gibt es für 20 Euro im TV-Servicecenter Trier sowie in den Touristinfos in Saarburg und Konz. An der Abendkasse kosten die Karten 22 Euro.