Trier | 19. März 2017 | Autor: Jörg Pistorius

Die Zahnlücken der Innenstadt

In den Nebenstraßen der Trierer City, den sogenannten 1b-Lagen, wird der Leerstand immer größer. In der Neustraße sind aktuell zwölf Läden frei. Was ist zu tun? Hier gehen die Meinungen auseinander.
Leere Schaufenster sind wie Zahnlücken - sie stören das Gesamtbild. Der Hauptmarkt, die Simeonstraße sowie die Brot-, Graben- und Fleischstraße zählen zu den 1a-Lagen, in denen ein gewerblicher Mieter mit Quadratmeterpreisen zwischen 115 und 125 Euro pro Monat rechnen muss (siehe Extra). Danach kommen 1b-Areale wie die Nagelstraße und die Neustraße. Beide sind attraktive Straßen, deren Händler seit vielen Jahren für ein starkes Erscheinungsbild kämpfen. Insbesondere die Neustraße gilt als eine der schönsten Einkaufsstraßen Triers. Hier tauchen die Lücken auf, allein in der Neustraße sind aktuell zwölf Läden dicht.

Richard Leuckefeld ist Händler in einer 1b-Lage und sitzt für die Grünen im Stadtrat. Er fordert eine Leerstandsbörse, eingerichtet vom Einzelhandelsverband oder der City-Initiative und der Stadt Trier. "So können wir zwischen Mietinteressenten und Vermietern vermitteln und Neugründern beim Abschluss der Mietverträge helfen", sagt Leuckefeld.

Nach Auffassung des Grünen herrscht dringender Handlungsbedarf. "Mit großer Sorge beobachten wir die rückläufige Präsenz inhabergeführter Einzelhandelsgeschäfte in Trier." Leuckefeld regt an: "Kurzfristig können Schaufenster leerer Ladenlokale von Künstlern, Handwerkern oder gemeinnützigen Vereinigungen zu Werbezwecken genutzt werden."
Grundsätzlich, so der Grüne, müssen viele Vermieter umdenken. Gewerbemieten früherer Zeiten seien in Nebenlagen heute nicht mehr erreichbar. "Wer glaubt, in 1b-Lagen immer noch 35 Euro pro Quadratmeter zu erzielen, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt."

Die City-Initiative Trier (CIT) teilt diese Besorgnis. "Während man vor einigen Jahren Interessenten für Ansiedlungen häufig keine passenden gewerblichen Mietflächen benennen konnte, verzeichnen auch wir seit einiger Zeit vermehrte Leerstände", sagt der erste Vorsitzende Gerd Guillaume.

Die Ursachen liegen seiner Ansicht nach nicht nur in der Konkurrenzsituation mit dem Onlinehandel, sondern auch in der Präsentation der Leerstände. "Durch eine ansprechende Optik mit einem dekorierten Schaufenster oder auch einer attraktiven Zwischennutzung wird die Mietfläche wieder interessant", sagt Jennifer Schaefer, Leiterin der Geschäftsstelle der CIT.

"Wir werden Gespräche führen, sowohl mit unseren Mitgliedsbetrieben als auch mit den Vermietern und Interessenten", sagt Gerd Guillaume. "Auch die Einrichtung einer Leerstandsbörse in Kooperation mit der Stadt Trier begrüßt die CIT ausdrücklich."

Die Stadt Trier sieht die Lage ein wenig anders. Stadt-Sprecher Ralf Frühauf sagt auf TV-Anfrage: "Gespräche in der Vergangenheit haben gezeigt, dass die Eigentümer an einem Eintrag in einer Leerstandsbörse nur selten interessiert sind. Denn sie befürchten, dass sie in der Leerstandsbörse gebrandmarkt sind und Mietinteressenten den Eintrag zum Anlass nehmen, den Preis zu drücken."

Frühauf betont: "Durch eine aktive Stadt- und Wirtschaftsentwicklung, die in engem Kontakt mit den Immobilieneigentümern steht, kann Leerstand grundsätzlich vermieden werden." Ziel sollte es sein, dass Geschäftsaufgaben oder Probleme bei der Nachnutzung frühzeitig bekannt sind und aktiv Nachnutzungen akquiriert werden, so dass keine Leerstände entstehen. "Dies ist nur durch engen Kontakt und konkrete Ansprache der Eigentümer möglich und geht über die Einrichtung einer Leerstandsbörse hinaus."
Kommentar

Das reicht aber nicht

Eine Leerstandsbörse ist sicher keine schlechte Idee. Aber dennoch bergen Lösungen dieser Art immer eine Gefahr: Sie können ein Problem zwar dokumentieren, aber eben nicht automatisch lösen - vergleichbar mit einer Mitgliedschaft in einem Fitnesscenter, die nur dann für eine bessere Form sorgt, wenn man tatsächlich trainiert. Außerdem hat eine Leerstandsbörse einige Schwächen. Es gibt keine Meldepflicht für Leerstände. Eine ständig aktuelle Übersicht aller Leerstände ist deshalb ohne Kristallkugel kaum möglich. Und selbst wenn sie möglich wäre, könnte sie nicht mehr als eine Summe von Momentaufnahmen bieten. Stadt-Sprecher Ralf Frühauf hat deshalb vollkommen recht. Der Schlüssel zum Erfolg ist der enge und effiziente Kontakt zwischen der städtischen Wirtschaftsförderung, die zurzeit unter der Flagge von Oberbürgermeister Wolfram Leibe läuft, und den Händlern und Eigentümern der Innenstadt. Dieser Kontakt muss ein dynamischer Prozess sein, ständig gepflegt und aktualisiert. Nur auf diesem Weg werden die Zahnlücken wieder verschwinden. j.pistorius@volksfreund.de
27 STäDTE UNTERSUCHT: TRIER AUF PLATZ ZWöLF
Der Immobiliendienstleister BNP Paribas Real Estate hat 2016 die Passantenströme von 89 Einkaufsstraßen in 27 deutschen Städten untersucht. Auf der Rangliste der frequenzstärksten Straßen steht die Trierer Simeonstraße mit 6600 Passanten pro Stunde auf Platz zwölf. Spitzenreiter ist die Kaufingerstraße in München (12 800). Trier gehört zu den drei Städten dieser Analyse, in denen die Höchstmieten noch weiter angezogen haben. Am Hauptmarkt sind die Mieter bereit, bis zu 125 Euro pro Quadratmeter zu zahlen. In der Graben-, Brot- und Simeonstraße sind es 120 Euro.