Berlin | 11. April 2017 | Autor: André Stahl

Hohe Abgabenlast in Deutschland

Die neuen Zahlen der OECD-Studie dürften den Parteienstreit über Entlastungen und den Wahlkampf befeuern.
Berlin (dpa) Einkommensteuer, Solidaritätszuschlag, Beiträge zur Arbeitslosen- und Rentenversicherung - der deutsche Staat bittet seine Bürger kräftig zur Kasse. Dies ist das Ergebnis einer Studie der Industrieländer-Organisation OECD.
Wie stellt sich die Abgabenlast nach den OECD-Zahlen dar?
Für einen Angestellten mit Durchschnittsgehalt, unverheiratet und ohne Kind, mussten in Deutschland 2016 im Schnitt 49,4 Prozent der Arbeitskosten (Bruttoverdienst plus Sozialbeiträge der Arbeitgeber) beim Staat abgeliefert werden. Das ist laut OECD derselbe Anteil wie im Jahr zuvor. Arbeitnehmer hatten 2015 also nicht mehr Geld vom Bruttolohn übrig. In der OECD rangiert Deutschland bei alleinstehenden Durchschnittsverdienern auf dem zweithöchsten Platz - nach Platz drei 2015. Was vor allem an den vergleichsweise hohen Sozialabgaben liegt, die von Arbeitnehmern und Arbeitgebern getragen werden. Nur die Belgier wurden stärker geschröpft. Der OECD-Durchschnitt betrug 36 Prozent. Immerhin: 2000 lag der Wert für Deutschland noch bei 52,9 Prozent.
Betrifft der Spitzenplatz auch andere Haushaltstypen?
Laut der OECD liegt auch bei allen anderen Haushaltstypen die Belastung in Deutschland über dem Schnitt der OECD. Für einen verheirateten Durchschnittsverdiener mit zwei Kindern betrug sie 34 Prozent. Deutschland liegt damit auf Platz 9 aller 35 OECD-Länder.


Würde Deutschland ohne Sozialabgaben besser abschneiden?
Ja. Würde der Vergleich auf die Steuerbelastung beschränkt, fiele das Ergebnis besser aus. Daher fielen geringfügige Steuerentlastungen kaum ins Gewicht. Zumal Gehälter stärker gestiegen sind als Steuererleichterungen oder Freibeträge, so dass ein größerer Anteil der Einkommen steuerpflichtig wurde. Ein Vergleich nur der Steuerlast ist wenig aussagekräftig. Beachtet werden muss, dass sich bei der effektiven Belastung unterer Einkommensbereiche zusätzliche Transferzahlungen auswirken - Kinderzuschlag, Wohngeld, BAföG.
Wie groß sind die Unterschiede unter den OECD-Ländern?
Sehr groß. Für Alleinstehende ohne Kinder reicht der "Steuerkeil" von 54 Prozent der Arbeitskosten in Belgien bis 7 Prozent in Chile. Oder: In der Schweiz ist das Leben zwar teuer - dafür sind aber die Gehälter hoch und die Steuer- und Abgabenlast gering.

Warum ist die Differenz bei Alleinstehenden besonders groß?
Hier wirkt sich das in Deutschland umstrittene Ehegattensplitting zugunsten verheirateter Paare aus, das es sonst kaum gibt. Zwar werden in fast allen Ländern Familien steuerlich gefördert. In Deutschland aber ist diese Subvention, bedingt durch Ehegattensplitting und beitragsfreie Mitversicherung von nicht-erwerbstätigen Ehepartnern, besonders ausgeprägt. Die OECD kritisierte schon öfter, dass dies Anreize zur Jobaufnahme verringert.
Fragen und Antworten OECD-Studie