Arenrath | 17. Juli 2017 | Autor: Benedikt Laubert

Dieser Bauer holt die Tomate in die Eifel (Video)

Ein Eifeler Landwirt hat es satt, seine Kühe zu immer mehr Leistung zu trimmen und verkauft sie. Er wird Tomatenzüchter, nutzt natürlichen Boden und spritzt nicht – von Bio hält er trotzdem nichts.
Markus Lieser hat eine zweite Währung auf seinem Hof eingeführt. Seine Nachbarn und die Händler bezahlen seine Tomaten, die er neuerdings anbaut, in Euro. Noch lohnt sich das finanziell nicht, aber das soll sich bald ändern. Von seinen Kunden bekommt er aber auch, und das ist neu: Anerkennung. „Das bist du nicht gewohnt“, sagt der 53-jährige Mann mit den grauen Haaren, und seine Stimme wird dabei lauter. Neu ist das für den Landwirt, weil er vor einigen Jahren noch Milchkühe auf seinem Hof hielt. Die Milchwirtschaft hatte er 2004 so satt, dass er alle Kühe verkaufte und seinen Betrieb neu erfand. Doch der Reihe nach.

Sein damals 75-jähriger Vater kann nicht mehr im Betrieb mithelfen, seine Mutter pflegt ihn. Und Markus Lieser „hatte alleine 50 Kühe am Hals, auf Deutsch gesagt“. Die Milchpreise rutschen gefühlt Richtung Null und er tut in der Verzweiflung, was viele Bauern tun: billigeres Futter kaufen, an Dünger und Spritzmittel sparen. Mit der Folge, dass die Erträge weiter sinken. „Mich hat es angekotzt, dass man als Landwirt immer noch mehr aus der Kuh herauspressen muss. Irgendwann ergab es keinen Sinn mehr“, sagt er, die Hände in die Hüften gestemmt. Er ist ein Mann klarer Worte.

Ein Drittel gibt auf

Eine Milchkuh gab in den 1960er Jahren, das sagen Zahlen des Statistischen Landesamts, noch knapp 3000 Liter im Jahr. Bis heute hat sich die Menge, die ein Tier produziert, auf etwa 7400 Liter im Jahr mehr als verdoppelt. Der Preisdruck machte nicht nur Lieser zu schaffen. Immer mehr Milchbauern im Land gaben auf: Ihre Zahl hat sich in den vergangenen zehn Jahren fast um ein Drittel reduziert. Die Endkunden lernt Markus Lieser nie kennen. Er kennt nur ihren Wunsch nach billiger Milch.

Anfangs habe er noch von seiner Milchwirtschaft leben können – froh sei er aber er nie mit ihr gewesen. Dann der Abschied von den Kühen. Für Markus Lieser fällt eine Last von den Schultern. Sein Vater macht ein trauriges Gesicht, als die letzte Kuh aus dem Stall geht. Aber beide Eltern lassen ihn machen. Er müsse wissen, was gut sei für den Hof. Er gehöre nun schließlich ihm. 
An Tomaten denkt der Landwirt in dieser Zeit noch nicht. Nach einem einjährigen Job bei einer Firma, die Biogasanlagen moniert und betreibt, erreichtet er zu Hause selbst eine; gemeinsam mit Stefan Marx, der ihn künftig bei mehreren wirtschaftlichen Experimenten begleiten wird. Die Anlage füttert er täglich mit 30 Tonnen Gras und Mais, das er auf seinen Feldern anbaut. Die Pflanzen gehen in die zwei großen Tanks der Anlage, damit produzieren sie Gas. Und hinten kommt, dank eines gasbetriebenen Motors mit Generator, Strom für Tausend Haushalte heraus. 

Tomaten als Nebenprodukt

Nur besonders effizient ist das nicht. Die Hitze, die der Motor produziert, verpufft ungenutzt. „Also überlegten wir, wie wir die Hitze nutzen können“, sagt Lieser. Der Tomatenanbau in beheizten Gewächshäusern ist zu Beginn nur ein Nebenprodukt. 

Als Lieser die Idee 2013 in die Tat umsetzt, sagt er sich: Das soll nicht laufen wie mit den Kühen. Um seine Pflanzen nicht spritzen zu müssen, nutzt er gepfropfte Stauden. Die Tomatenpflanzen wachsen etwa auf Gurkenwurzeln und sind damit gut gerüstet gegen Mehltau und Blattläuse. Im Gegensatz zu den meisten Bauern züchtet Lieser seine Tomaten nicht in Materialien wie Holzwolle sondern, wie früher, in Erde. Die Früchte schmecken süß und reif – ob es an der Erde liegt, wie er sagt, lässt sich freilich nicht so einfach sagen.

Zu kaufen sind die Tomaten unter dem Label Südeifeler in kleinen Läden, in großen Edeka-Filialen und auf seinem Hof. Durch die vier Gewächshäuser, in denen es dank Wärme der Biogasanlage immer mindestens 21 Grad warm ist, fliegen Hummeln. Sie sorgen dafür, dass die Pflanzen sich gegenseitig bestäuben und damit schmackhaftere Früchte hervorbringen. 

Ist das schon biologischer Anbau? Nein, denn Lieser verhilft seinen Pflanzen mit chemischem Dünger zu stärkerem Wachstum. „Mit Bio hast du nur den halben Ertrag“, sagt er. Ökologischer Landbau könne nur als Nische bestehen, nicht aber die wachsende Weltbevölkerung ernähren. 

Naturnah ja - aber bitte nicht Bio

Mit seiner Tomatenzucht besetzt Lieser eine Nische in der Region. Abgesehen vom Spargel werde hier wenig Gemüse angebaut, sagt Herbert Netter vom Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau. Es sei hier schlicht zu kalt. „Aber eine Biogasanlage mit beheizten Gewächshäusern zu kombinieren, ist klug“, sagt er. Das könne durchaus als Vorbild für andere Bauern dienen. Mit dem Tomatenanbau hatte Lieser nur begonnen, um die Wärme seiner Biogasanlage besser nutzen zu können. Geld verdient Lieser bislang mit seiner Biogasanlage – mit den Tomaten aber noch nicht, weil die Gewächshäuser noch abzubezahlen sind. 

Wenn aber heute Kunden aus Gillenfeld, Speicher und anderen Gemeinden zu ihm auf den Hof kommen, um Tomaten zu kaufen, merkt Lieser, was ihm in der Milchwirtschaft gefehlt hatte: eine Nachfrage nach Qualität – und das Gefühl, das Richtige zu tun.