Mainz | 03. Juni 2016

Der Depression Beine machen

Im Rahmen des Modellprojekts „Aufbau von Laufgruppen für Menschen mit Depression“ werden seit Herbst 2015 in Koblenz, Landau und Mainz Lauftreffs mit sportfachlicher und psycho-therapeutischer Begleitung angeboten.Die ersten Zwischenergebnisse bestätigen die Erwartungen.
Das bundesweit einzigartige Projekt basiert auf der Erkenntnis, dass sich körperliche Aktivität positiv auf die seelische Befindlichkeit auswirkt und wird wissenschaftlich begleitet. Die vom rheinland-pfälzischen Gesundheitsministerium mit der Durchführung beauftragten Projektpartner, die Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V., die Landespsychotherapeutenkammer RLP, die Landesvertretung der Techniker Krankenkasse in Rheinland-Pfalz und der Rheinhessische Turnerbund e.V., zogen nun eine erste Zwischenbilanz.

Insgesamt nehmen derzeit 40 Personen an den wöchentlichen Laufgruppen an den drei Standorten teil. Zu Beginn und am Ende des Projekts sowie nach jedem Lauf füllen die Teil-nehmerinnen und Teilnehmer Fragebögen aus, die im Rahmen der wissenschaftlichen Beglei-tung durch das Zentrum für Empirische Pädagogische Forschung (zepf) der Universität Koblenz-Landau ausgewertet werden. Sie sollen Aufschluss darüber geben, welche Auswirkungen das Laufen auf die körperliche und psychische Gesundheit aus Sicht der Teilnehmerinnen und Teil-nehmer hat.
Erste Ergebnisse der Befragung

Eine erste Auswertung der Fragebögen ergab, dass in den Laufgruppen alle Altersgruppen vertreten sind. Die meisten Personen sind zwischen 30 und 60 Jahre alt, wobei etwas mehr Frauen als Männer teilnehmen. Wie Dr. Gabriele Dlugosch, Leiterin des Arbeitsbereiches Gesundheit und Wohlbefinden am zepf, berichtet, erwarten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von dem Projekt vor allem eine Verbesserung der psychischen Befindlichkeit. Sie erhoffen sich mehr „Leichtigkeit“ und Lebensfreude, eine Steigerung der Fitness und insgesamt einen besseren körperlichen Zustand. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer glauben, dass es in der Gruppe leichter fällt, aktiv zu werden.

Knapp 30 Prozent der Befragten berichteten zu Beginn des Projekts eine sehr (1,8 Prozent) bzw. ziemlich schlechte (28,1 Prozent) aktuelle psychische Befindlichkeit. 17,5 Prozent fühlten sich
ziemlich stark depressiv, 38,5 Prozent mittelmäßig depressiv. Die Einschätzung der Selbstwirk-samkeit lag in einem mittleren Bereich. Etwa 45 Prozent waren vor dem Projekt körperlich gar nicht (8,8 Prozent) bzw. eher wenig (36,8 Prozent) aktiv.

Um Informationen über die konkreten Auswirkungen einer Laufeinheit zu erhalten, werden die Läuferinnen und Läufer zu ausgewählten Messzeitpunkten gebeten, ihre aktuelle körperliche und psychische Befindlichkeit vor und nach dem Training einzuschätzen. Hier zeigen sich auf beiden Dimensionen im Durchschnitt signifikante Verbesserungen nach dem Laufen. Auf einer Skala von 1-5 wird das Training in der Regel überdurchschnittlich gut bewertet. Die Teilnehme-rinnen und Teilnehmer berichten überwiegend, dass ihnen das Laufen gutgetan hat, dass sie sich in der Gruppe wohlfühlen und sie mit den begleitenden Übungsleitern und Psychotherapeuten zufrieden sind. Obwohl das Training als eher anstrengend empfunden wird und es viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer große Überwindung kostet, zum Lauftreff zu erscheinen, ist die Zustimmung zu der Aussage „Ich bin froh, dass ich heute zum Training gekommen bin“, überwiegend groß. Die erste Auswertung nach rund der Hälfte der Projektlaufzeit ergibt dem-nach ein sehr positives Bild.

Dass regelmäßiges Ausdauertraining wie das Laufen einen positiven Effekt auf die Stimmung von Depressionspatientinnen und -patienten hat, ist u.a. durch den Hirnstoffwechsel begründet: Laufen steigert die Menge des stimmungsaufhellenden „Glückshormons“ Serotonin und weiterer wichtiger Botenstoffe im Gehirn. Wie bei allen Menschen fördert Sport bei Menschen mit Depression zudem die Ausdauer und Beweglichkeit sowie koordinative Fähigkeiten, Kon-zentration und Körperwahrnehmung. Außerdem kann das Laufen von belastenden Empfindun-gen und Wahrnehmungen ablenken, Ärger und Aggressionen abbauen. Neben der körperlichen Aktivierung kann Laufen ein besseres Körpergefühl und eine Steigerung des Selbstwertgefühls bewirken.

„Die konstanten Teilnehmerzahlen und Folgeanfragen aus dem ganzen Land haben unsere Erwartungen bis heute übertroffen“, erklärte Sabine Bätzing-Lichtenthäler, Ministerin für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie des Landes und Schirmherrin des Projekts. „Mit dem Modellprojekt wollen wir Strategien zur praktischen Umsetzung von Laufgruppen für Menschen mit Depression erproben. Die bisherigen Erfahrungen sind durchweg positiv und sprechen dafür, Laufgruppen für Menschen mit Depression auf eine solide finanzielle und strukturelle Basis zu stellen“, so die Ministerin.


Die Ergebnisse der abschließenden Auswertung des Modellprojekts werden im Rahmen einer Veranstaltung am 23. November 2016 im ZDF-Konferenzzentrum in Mainz-Lerchenberg vorgestellt. Nähere Informationen zur Veranstaltung sind nach den Sommerferien auf www.rlp-gegen-depression.de zu finden.

Hintergrund:
Das Modellprojekt wird realisiert in Zusammenarbeit der Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. im Rahmen der Initiative „Bündnisse gegen Depression in Rheinland-Pfalz“, der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz, der Techniker Krankenkasse Landesvertretung Rheinland-Pfalz, des Rheinhessischen Turnerbund e.V., der Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe Behinderter Rheinland-Pfalz e.V. und des Zentrums für Empirische Pädagogische Forschung der Universität Koblenz-Landau.