St Etienne | 17. Juli 2017 | Autor: jürgen c. Braun

Es kann nur einen geben

Vor Beginn der 16. Tour-Etappe spitzt sich der Kampf um den Gesamtsieg zu. Was die vier Favoriten auszeichnet.
St. Etienne Selten war die Tour de France vor dem Eintritt in ihre entscheidende Phase so spannend wie in diesem Jahr. Auf den anstehenden drei schweren Alpen-Etappen wird eine Vorentscheidung fallen in der Frage: Wer holt sich den Tour-Gesamtsieg? Die endgültige Entscheidung aber bringt wohl erst das Zeitfahren am Samstag in Marseille. Vorab analysiert der TV die Stärken und Schwächen der potenziellen Kandidaten für den Gesamtsieg:

1) Christopher Froome (Sky): Vor dem Tour-Start gab’s Bedenken ob der Form des dreimaligen Siegers. "Froomey" offenbarte beim Critérium du Dauphiné - der Tour-Generalprobe - ungewohnte Schwächen und wurde mit mehr als eineinhalb Minuten Rückstand auf Astana-Sieger Jakob Fuglsang nur Vierter. Der zwischenzeitliche Verlust des Gelben Trikots an Fabio Aru schien diese Irritationen zu bestätigen. Froomes größtes Plus ist die Stärke seines Team. Eine solche Breite in der Spitze wie Sky hat niemand im Peloton. Puncheure für die letzten Kilometer vor der Entscheidung wie etwa Michal Kwiatkowski, dem Froome am Samstag in erster Linie die Rückkehr ins Gelbe Trikot zu verdanken hatte, hat keiner seiner Konkurrenten. "Meine Helfer lancieren mich in technisch schwierigen Passagen perfekt in die richtige Situation und halten mich permanent aus dem Wind", betont der Brite. Froome gilt zudem als exzellenter Zeitfahrer, was er in Marseille über 22,5 Kilometer ausspielen kann.

2.) Fabio Aru (Astana, + 18 sek.) Dass der italienische Meister in dieser komfortablen Ausgangsposition ist, hat Fabio Aru seiner derzeit exzellente Renn-Verfassung zu verdanken. Trotz seiner erheblich geschwächten Mannschaft gibt sich der 27-jährge Sarde weiter optimistisch. Mit Dauphiné-Sieger Jakob Fuglsang und Dario Cataldo - beide haben aufgrund von Verletzungen aufgegeben - hat Aru seine beiden wichtigsten Helfer frühzeitig verloren. Das schränkt vor allem die taktischen Mittel von Astana erheblich ein, das nun keine Schein-Attacken mehr durch Arus Vasallen im Hochgebirge reiten lassen kann.

3.) Romain Bardet (AG2R La Mondiale, + 23 sek) Der Franzose ist spätestens seit seinem spektakulären Sieg auf der 12. Etappe in den Pyrenäen ein potenzieller Gesamtsieg-Kandidat. Bardet und seine Zuträger sind zwar individuell nicht so glänzend besetzt wie Froomes Sky-Farben, werden jedoch auf die Schwächen der Konkurrenz lauern, um dann zuzuschlagen.
Eine solche Gelegenheit böte sich am Donnerstag beim 12 Kilometer langen Schlussanstieg auf den 2360 Meter hohen Col d’Izoard. Der 26-Jährige aus der Auvergne gehört zu den besten Abfahrern der Welt. Als Musterschüler könnte er den Plan der Chambéry Cyclisme Formation (CCF), in der er jahrelang ausgebildet wurde, bereits in diesem Jahr früher als erwartet umsetzen. Die Kaderschmiede des französischen Radsports wurde ins Leben gerufen, als der Radsport in Frankreich nach dem Festina-Skandal 1998 in Trümmern lag.

4.) Rigoberto Úran (Cannondale-Drapac, + 29 sek.) Den Kolumbianer hatten die Experten vor dem Start zur 104. Tour de France eigentlich nicht auf dem Schirm gehabt. Galt er doch eher als potenzieller Einzeltäter auf schweren Berg-Teilstücken, dem es aber an Stehvermögen auf den langen Überführungs-Etappen oder beim Kampf gegen die Uhr an Qualität mangelte.
In der Multikulti-Truppe von Cannondale Drapac aus Boulder/Colorado (neun Fahrer aus acht Ländern) gehörte der 30-Jährige aus Medellin zum Helferteam des französischen Kapitäns Pierre Rolland. Doch der liegt nach gesundheitlichen Problemen mittlerweile mit mehr als 70 Minuten Rückstand nicht mehr unter den Top 50.
Will Úran zum ganz großen Schlag ausholen, muss er das im Hochgebirge tun. Doch um beim Zeitfahren von Marseille überzeugen zu können, fehlt es ihm vielleicht an Explosivität im Flachen. Immerhin: Der Weltverband UCI hat die 20-Sekunden-Zeitstrafen gegen Úran, die dieser wegen unerlaubter Annahme von Trinkflaschen auf der 12. Etappe ausgesprochen hatte, zurückgenommen. Das verschaffte dem Kondor, wie er im Team genannt wird, noch einmal ein kleines Zeitpolster.