Trier | 19. Mai 2017 | Autor: Rainer Neubert, TV-Fotos: Rainer Neubert

Hoffnungen auf ein freies Leben

In den Aufnahmeeinrichtungen des Landes ist Ruhe eingekehrt. Vier junge Frauen erzählen von ihren Erlebnissen.
Trier Im Sommer 2015 versank die Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende (Afa) in der Dasbachstraße im Chaos. Von den Menschenmassen, die das ehemalige Kasernengelände mit einem babylonischen Sprachgewirr bevölkerten, von den Zelten und Wohncontainern, den improvisierten Schlafstätten ist heute nichts mehr zu sehen. Die Gebäude sind renoviert, Kinder tollen auf dem mit bunten Geräten in Schuss gebrachten Spielplatz herum. Auf den Bänken im Schatten unterhalten sich an diesem heißen Tag Menschen in unterschiedlichen Trachten und Hautfarben. Ein fast idyllisches Bild.
"Wir haben im Augenblick eine sehr sozialverträgliche Unterbringung", sagt Thomas Pütz. Der Leiter der mit 25 Jahren ältesten Afa in Rheinland-Pfalz spricht von einer Belegungsquote von 50 Prozent. Bei einer Kapazität von 700 Plätzen entspricht das etwa 350 Menschen. Sie kommen aus nicht weniger als 32 Ländern und hoffen, dass in Trier ihr Asylantrag anerkannt wird. Dreiviertel aller neuen Flüchtlinge in Rheinland-Pfalz, so erläutert Pütz, kommen nun wieder zur Erstaufnahme ihrer Daten nach Trier. In Ingelheim, wo sich im nahen Bingen ebenfalls eine Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) befindet, werden die restlichen Asylbegehrenden erfasst, die dem Land zugeteilt werden. Dort und in den Aufnahmeeinrichtungen Hermeskeil, Kusel und Speyer ist die Belegungsquote derzeit sogar noch geringer als in Trier-Nord. In deren Außenstelle Luxemburger Straße sind derzeit 900 der 1400 Plätze nicht belegt. In der Außenstelle Bitburg wohnen etwa 100 Menschen - bei einer Kapazität von 540 Plätzen.
Clara Schulze und Hannah Schneck kennen die überfüllten Aufnahmeeinrichtungen nur aus Erzählungen. Die beiden 20-Jährigen absolvieren in der Afa Trier ihr Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ). Im Sozialbüro der Einrichtung helfen sie bei der Betreuung der Flüchtlinge, wirken bei den schulpädagogischen Angeboten für Kinder mit oder assistieren in der Krankenstation. "Ich wollte nach dem Abitur etwas Sinnvolles machen", sagt Clara Schulze. "Weil die AfD in der Wahl so erschreckend gut abgeschnitten hat, war für mich klar, dass ich etwas mit Flüchtlingen mache."
Seit Juni 2016 ist sie inzwischen dabei und hat dabei ebenso viel Spaß wie Hannah Schneck, die sich mit dem Einsatz in der Afa auch auf ihr Psychologiestudium vorbereitet. "Wir haben hier sehr viel mit Menschen zu tun und lernen dadurch auch, uns durchzusetzen."
Zum Gespräch mit dem TV-Redakteur an diesem Tag haben die beiden FSJlerinnen zwei junge Frauen eingeladen. Faiza, 30, aus Pakistan ist vor zwei Wochen mit ihrem Mann und zwei Kindern in Trier angekommen. "Ich bin vom Islam zum Christentum konvertiert", berichtet die gebildete Frau in perfektem Englisch. "Dafür droht mir die Todesstrafe." Sie sei angesichts der eher schlimmen Nachrichten über Ausländerfeindlichkeit in Deutschland sehr überrascht von der Gastfreundschaft in Trier gewesen. "Wir fühlen uns sehr willkommen und sicher. Das ist gut. Wir wollen einfach frei leben."
Die Abkehr vom Islam und die daraus drohenden Folgen waren auch für die Ägypterin Aya, 26, der Grund, in Deutschland einen Asylantrag zu stellen. "Es sind vor allem Probleme mit der Familie", deutet die junge Frau die Gründe für ihre Flucht an. Weil sie bereits einige Jahre in Leipzig Informatik studiert hat, spricht sie fließend Deutsch: "Trier ist toll!"
Es sind solche Gespräche und Begegnungen, die Clara Schulze an der Arbeit in der Afa liebt. "Ich habe hier sehr viel über Menschen gelernt und bin viel stärker geworden", sagt die 20-Jährige. "Ich kann nun auch Nein sagen. Aber das Schönste ist, wenn man die Leute mit Kleinigkeiten glücklich machen kann." Und auch für Hannah Schneck steht fest: "Ich würde das sofort wieder machen."
Afa-Leiter Thomas Pütz und Martin Höhl, Leiter des Sozialdienstes in der Aufnahmeeinrichtung, nennen die beiden jungen Frauen einen Glücksfall und hoffen, dass sich im Sommer interessierte und aufgeschlossene FSJ-Nachfolgerinnen finden werden. Denn genug zu tun gebe es bei der Betreuung der Menschen auf dem ehemaligen Kasernengelände auch bei halber Belegung.
Interessenten für ein Freiwilliges Soziales Jahr bei der Afa Trier können sich bewerben: afa-geschaeftszimmer@add.rlp.de
Extra: FREIWILLIGE AUSREISE IN BUND UND LAND

54 000 Menschen haben im Jahr 2016 bundesweit finanzielle Unterstützung für eine freiwillige Ausreise beantragt. 25 000 Ausreisepflichtige sind zwangsweise abgeschoben worden. Rheinland-Pfalz legt im Umgang mit Flüchtlingen, die keine Bleibeperspektiven haben, einen deutlichen Schwerpunkt auf die Beratung zur freiwilligen Ausreise. Das Rückkehrprogramm "Landesinitiative Rückkehr" ergänzt das gemeinsame Rückkehrprogramm von Bund und Ländern (REAG/GARP). 1,4 Millionen Euro stellt das Land im laufenden Haushalt für diese zusätzliche Initiative bereit. Im ersten Quartal 2017 sind 641 Menschen aus Rheinland-Pfalz ausgereist, 464 mit und 177 ohne finanzielle Förderung. Im Jahr davor waren es noch 1776 Personen, davon 1279 mit und 497 ohne Förderung. Nach Angaben des zuständigen Ministeriums sind im Jahr 2016 insgesamt 5744 Menschen (davon 4617 gefördert) ausgereist. 2015 betrug die Gesamtzahl 6006 Personen (4617 gefördert). Alleine über die Landesinitiative Rückkehr seien im Jahr 2015 die Ausreisen von 4255 Menschen finanziell gefördert worden. Bleibe die Beratung zu freiwillige Rückkehr bei einer ausreisepflichtigen Person ohne Erfolg, werde abgeschoben.