Kesten | 12. Juli 2017 | Autor: Winfried Simon

Kestener Winzer hat eine Vorliebe für alte Rebsorten

Michael Beer hat einen Weinberg mit dem Gelben Kleinberger bepflanzt. Die Sorte galt bis vor zehn Jahren als ausgestorben.
Michael Beer begutachtet in der Lage Kestener Herrenberg seinen Weinberg und ist zufrieden. Die im vergangenen Jahr gepflanzten 350 Reben wachsen gut, im kommenden Jahr kann er den ersten nennenswerten Ertrag erwarten. 
Schaut man genauer hin, erkennt man die ungewöhnlich langen Ranken. Sie sind typisch für eine Rebsorte, die an der Mosel fast gar nicht angebaut wird. Es ist die Sorte Gelber Kleinberger, die bis 2007 als ausgestorben galt. Die Reben hat sich Beer von der Rebschule Martin im rheinhessischen Gundheim besorgt. Beer: „Mir geht es darum, das die alten Sorten erhalten bleiben.“ Natürlich will er den daraus erzeugten Wein auch verkaufen – sozusagen als Nischenprodukt innerhalb seines Riesling- und Burgundersortiments. Wie genau sein Kleinberger schmecken wird, weiß er noch nicht. In der Literatur heißt es: „Der erste Weinausbau der Trauben des Gelben Kleinbergers erbrachte einen süßen, angenehm bukettierten Wein.“ 

 
Beer hat den Gelben Kleinberger anderer Erzeuger probiert: „Er hat eine leicht grasige Note, im Geschmack zwischen Silvaner und Sauvignon blanc.“ 
Der Kestener Winzer hat ohnehin ein Faible für alte Sorten. Auf seinen zwei Streuobstwiesen wachsen Mispeln. Die Apfelfrüchte werden gegen Ende Oktober, Anfang November reif. Daraus lässt Beer einen Schnaps brennen. Andere Apfelsorten sind der Bohnapfel, Trierer Weinapfel und Glockenapfel – die zu Viez, Saft oder Schnaps verarbeitet werden. 

 
Mitten im Rieslinganbaugebiet Mittelmosel bewirtschaftet Beer auch einen Elbling-Weinberg. Elbling ist vornehmlich an der Obermosel verbreitet, an der Mittelmosel findet man ihn kaum noch. Als er in einem Kellerbuch seines Urgroßvaters blätterte, stellte er fest, dass sein Vorfahre einst etwa ein halbes Hektar Weinberg mit Elbling bepflanzt hatte. Den „einfachen Wein für den großen Durst“ – wie er ihn charakterisiert – verkauft Beer als Qualitätswein in der Literflasche. Und auch die uralte Sorte Auxerrois hat er im Angebot. Aus dem Wein macht er einen frischen Sekt. 
Der Anbau alter, heute zumeist vergessener Rebsorten liegt im Trend – weniger im Rieslinggebiet Mosel als vielmehr in Rheinhessen, Franken oder Baden. Da gibt es den Roten Riesling, den Blauen Silvaner, den Heunisch, den Adelfränkisch, Grünfränkisch und viele Dutzend andere. 

Einer der führenden Rebsortenforscher ist Andreas Jung. 
Der Wissenschaftler beschäftigt sich seit 1998 mit Rebsorten und hat eine wissenschaftlich fundierte Abhandlung über den Gelben Kleinberger geschrieben. Jung gilt als einer der wenigen europäischen Experten bei der Sorten-Identifizierung historischer Sorten in alten Weinbergen. 2006 gründete er das „Büro für Rebsortenkunde und Klonzüchtung“ und ist seither freiberuflich als Weinwissenschaftler, Ampelograph, Klonenzüchter und Sortenerhalter tätig. Seine Spezialität ist die Sortenerfassung und Sortenidentifizierung sowie die Klonenselektion und Viruskontrolle in Rebbeständen. Allein der privaten Sammelinitiative von Andreas Jung und der Unterstützung hilfreicher Winzer ist es zu verdanken, dass bisher 300 historische Rebsorten mit über 1450 Klonen in den von 2005 bis 2012 angelegten Rebsortenarchiven erhalten werden.