Trier | 19. März 2017 | Autor: Jörg Pistorius

"Wir können die Dinge verändern"

Schöne Momente mit einem berühmten Gast: Franz Müntefering zeigt sich in Trier souverän, fit und optimistisch.
Trier Die katholische Soziallehre ist kein leichter Stoff. Das Leben und Wirken von Oswald von Nell-Breuning auch nicht. Pessimisten könnten deshalb befürchten, dass ein Abend der trockenen Theorien bevorsteht, wenn Franz Müntefering, einer der ultimativen Sozialexperten, den Oswald von Nell-Breuning-Preis der Stadt Trier erhält. Doch die feierliche Verleihung im Rokoko-Saal des kurfürstlichen Palais ist das genaue Gegenteil - weder trocken noch theoretisch.
Zusammen mit Triers Oberbürgermeister Wolfram Leibe (SPD) betritt der 77 Jahre alte Müntefering den Saal, in dem dicht gedrängt die Trierer Politikszene vom Ortsbeirat bis zum Bundestag sitzt. Die Laudatio hält Barbara Stamm (CSU). Der eine oder andere Trierer googelt mal schnell, wer das denn ist. Die Präsidentin des bayerischen Landtags löst ihre Aufgabe mit Freundlichkeit und Routine. Sie bringt das Publikum zum Lachen, als sie die aktuell tobende Debatte um die Karl-Marx-Statue erwähnt und dann trocken mit der Feststellung abschließt, dass "Reinhard Marx ja mittlerweile bei uns zu Hause ist". Reinhard Marx ist der Erzbischof von München und Freising, von 2002 bis 2008 war er Bischof von Trier.
Dann ist es soweit: Franz Müntefering nimmt den mit 10 000 Euro dotierten Oswald von Nell-Breuning-Preis der Stadt Trier entgegen. Der ehemalige SPD-Vorsitzende, Bundesminister und Vizekanzler erhält diesen Preis als Würdigung seines Lebenswerks und vielfältigen sozialpolitischen Handelns, das auf den Grundwerten der katholischen Soziallehre basiere - so formuliert es OB Leibe in seiner Ansprache. Schließlich sind alle Formalitäten erledigt, und der Moment kommt, auf den alle gewartet haben. "Münte" tritt ans Mikrofon.
Er beginnt mit einer seiner persönlichen direkten Begegnungen mit Oswald von Nell-Breuning. "Wir haben vor dem Gottesdienst auf seine Limousine gewartet, doch sie kam einfach nicht." Kurze Pause. "Bis dann einer aus der Kirche gestürzt kam und sagte: Der sitzt da doch schon längst drin." Anschließend habe der damals 84-jährige Pater von Nell-Breuning in der Schützenhalle über die soziale Stadt gesprochen. "Mit fester Stimme und völlig ohne Manuskript", betont Müntefering. Man sieht ihm heute noch an, wie sehr ihn diese lange zurückliegende Begegnung beeindruckt hat.
"Oswald von Nell-Breuning war vom Solidarismus geprägt", erklärt der Preisträger. Der Jesuit Heinrich Pesch (1854 bis 1926) hatte den Solidarismus als christliche Basis der Gesellschaft und Wirtschaft konzipiert, Nell-Breuning hat diesen Gedanken weitergeführt. "Das Prinzip ist einfach", sagt Müntefering. "Der Staat muss die Gesellschaft sichern. Aber ob sie auch solidarisch ist, liegt an den Menschen, die in ihr leben."
Es gibt bestimmte Themen, die an diesem schönen Abend in Trier entweder gar nicht oder nur am äußersten Rand zur Sprache kommen - obwohl Franz Müntefering gerade ihretwegen auch von Politikverdrossenen sehr geschätzt wird. Als seine zweite Frau schwer an Krebs erkrankte, trat er 2007 als Bundesminister und Vizekanzler zurück, um für sie da zu sein und bei ihr zu sein. Eine zutiefst persönliche Geschichte. Barbara Stamm belässt es deshalb in ihrer Laudatio bei einem Satz.
Müntefering will jedoch an diesem Abend nicht nur über politische Theorien sprechen. Er will auch motivieren, aufrütteln, mitreißen. "Ich will der Jugend eines sagen", betont er. "Mischt euch ein! Wir können Dinge verändern. Die Vernünftigen müssen dafür sorgen, dass nicht die Bekloppten das Sagen haben."