19. Mai 2017

Schön geschrieben

Ich finde die Idee mit dem Grundgesetzsatz nahe der Synagoge gut. Die wollen ja die Worte "Die Würde des Menschen ist unantastbar" in Stahl ausschneiden und wie eine Art Metallvorhang mit dem Sinnspruch an die usselige Giebelwand, die nach Abriss blieb, hängen.
Es erinnert mich an Wilma, die auch gern dekoriert und es mit Sprüchen hat. Das, was sie dann gestaltet, wirkt immer ansehnlich und ist auch immer in Schönschrift. Die hat sie früher in Kreuzstich schon beherrscht, daheim auf Leinen gestickt an der Küchenwand: "Wenn eine Frau die Hosen anhat, hat sie ein Recht darauf." Irgendwie hat mir das nicht gefallen.
Jetzt schreibt sie Sätze auf Schilder, die per Draht auf Klötzen stecken, damit man sie gut überall hinstellen kann. Und sie schreibt auf Fußmatten, sogar mit Schablonen auf unsere Wände. Im Schlafzimmer steht bei uns zum Beispiel über dem Bett: "Liebe ist … was man daraus macht."
Ich glaube, das soll sehr weise sein, Laotse, Einstein oder so, komme aber nicht ganz dahinter. Und ich will gar nicht von Facebook anfangen, wo jeder Weisheiten, Nachdenkliches also Schlaumeierei mit Gefühl verbreitet.
Gut, gut. Ja, ja: Der Artikel Eins des Grundgesetzes ist natürlich mehr als ein Spruch, aber die Methode etwas so groß zu schreiben … ich meine ja nur. Ich bin gespannt, wie’s aussieht. In der richtigen Höhe aus der richtigen Perspektive kann man direkt daneben frei schwebend in der Luft das ebenfalls hinterleuchtete Schild zur Kneipe "Äschatskaul" sehen. "Die Würde des Menschen Äschatskaul", kann theoretisch gelesen werden, wenn wir Pech haben. Denn hinter "Menschen" wollen Stadträte und Bürgermeister ja eine neue Zeile anfangen lassen. Das habe ich in der Zeitung gelesen und deshalb direkt in der Himmeroder Straße geguckt, wie das wohl wirkt.
Wenn wir verdrehten Weddlia kompliziert von rechts nach links um die Ecke lesen, lesen wir vielleicht sogar "Äschatskaul ist unantastbar". Womöglich hätten wir nur ein Wort hinschreiben sollen. "Frieden". Oder "Demut". Oder "Liebe". Oder "Säubrenner". Oder zwei, weil die passen auf jeden Fall in eine Zeile. "Nazis raus", "NO WAR" oder "Jetzt küssen". Ich meine das wäre echt mal innovativ und schadet auch nicht weiter.

Wilbert